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ton, befanden wir uns beständig auf russischem Gebiete. Am Fusse dieser steilen Gebirge im Dörfchen Alascha blieben wir zur Nacht und befanden uns wieder auf luftigem Lambau, mitten im Gilaner Urwalde. Am 12./24. Juni wollten wir die Höhe des Randgebirges erstreben. Der Weg, welchen wir einschlugen, führte uns, wie gesagt, über sehr steile, aber durchweg gut mit Laubholz bestandene Gebirge, denen eine der nördlicheren Astara-Quellen entspringt und die im Schindan-Kala ihren bedeutendsten Gipfel besitzen, welcher ruinengekrönt, als steilwandiges Massiv auf dem Höhenrande selbst steht und nahe an 7000 Fuss Meereshöhe besitzt.

Bei dem Kashbinski'schen Kosakenposten verHessen wir das Astara-Thal und folgten der sogenannten Ardebil-Strasse, welche hier Armudi-jol benannt wird, zum Unterschiede von einer südlicher gelegenen, gleichfalls von Karawanen benutzten, die man Achmedschet-jol nennt. Der Armudi-jol hat von einem hoch im Gebirge gelegenen Bestände dieser Wildbirnenbäume seinen Namen, welcher vom Talyscher Dialekt etwas entstellt wurde, da es eigentlich Amrud heissen miisste. Man kann bei dem raschen Ansteigen der Gebirge vortrefflich das allmähliche Verschwinden einiger Baumarten und das Auftreten anderer beobachten. Interessant ist es, dass Mimosa Julibrissin bis gegen 2500 Fuss selbst im Halbschatten des Hochwaldes als freiwilliger Sämling sehr häufig ist, dass ferner Diospyros Lotus mindestens noch 1000 F. höher als fruchttragender Hochstamm existirt, dass Gleditschia und die Granate nur auf das Thal und Flachland angewiesen bleiben, dass Corylus Avellana und Castanea vesca, sowie auch Cornus mascula hier gänzlich fehlen, dass die Rebe kaum höher als 1000 Fuss im Walde ansteigt, hier nur schwach und kleinblätterig wird, und dass endlich noch in 3000 Fuss Meereshöhe der Feigenbaum mit schenkeldickem Stamme angetroffen wird.

Erst am späten Abend, nachdem uns mit dem Nähertreten zur Randhöhe Nebel und Regen gründlichst durchnässt hatten, kamen wir auf die Sommerfrischen der Alaschinzen, nahe der persischen Grenze und schon am Nordfusse des hohen Schindan-kala gelegen. Das schlechte Wetter hielt an. Erst gegen 10 Uhr am 13./25. Juni konnten wir die beabsichtigte Excursion zum Schindan-kala antreten. Das Gebirge, welches eine ziemlich ebene Höhenfläcbe von circa 400 Schritten Länge bei einer zwischen 80 — 200 Schritten wechselnden Breite besitzt, steigt steil aus der Kammhöhe an. Zu seinem Gipfel führt an der NO-Seite ein gangbarer Weg, und ausser mehreren Wasserbassins, Resten von Mauerwerken, fanden wir an der Nordspitze auch noch eine durch Menschenhand gemachte Höhle, an deren Wänden eine prachtvolle Clausula in etlichen 80 Exemplaren gesammelt wurde. Am Ostfusse des SchindanPetennann'» Geogr. MittheüungeD. 1881, Heft VII.

kala markirten Acer campestre und Quercus robur die Baumgrenze, die Westseite dieses Gebirges aber stürzt senkrecht ab. Ich sammelte hier nur Pflanzen der basal-alpinen Region, lauter mir längst bekannte Formen.

Der Sawalan hatte sich heute in dichte Wolken gehüllt und selbst die vor ihm lagernde Ardebil-Ebene war nur in ihrem vorderen Theile klar zu übersehen, allein gegen Süden zu den Höhen der persischen Gebirge hatte das Auge freien Zutritt, und hier dehnten sich denn zunächst die äussersten südlichen Quellhöhen der Astara hin, denen die Ali-dasch-Gruppe folgte, welcher sich am Horizonte die noch höhere der Aspina anschloss. Gegen Norden gekehrt aber kann man die äusserste Höhenlinie des Randgebirges weit'hin verfolgen. Die Küs-jurdi-Gruppe mit ihrer über 8000 Fuss hohen Gipfelhöhe lag da zunächst vor uns. Sie war unser Ziel für den 14./26. Juni.

Ausserordentlich charakteristisch für die Formen dieses Randgebirges sind nun die sich stets wiederholenden, mehr oder weniger aufgeblasenen „Köpfe", deren Ostseiten wie abgebrochen jäh abstürzen, während die Westseiten, rasenbedeckt, sich allmählich zu den Thalmulden Benken. Wo ich jene jähen Ostabstürze sah, da bestanden sie aus groben, sehr fest verkitteten Conglomeraten vulcanischer Gesteine. Um bequem reiten zu können, hält man sich immer an den Westseiten dieser Köpfe und bewegt sich stets durch basal-alpino Wiesen, welche hie und da auch noch dicke, aber nicht hohe Eichen aufweisen und auf denen an vielen Stellen die grossen, hellrothen Blumen von Papaver monanthum in Menge prangten.

Zu dem in hiesiger Gegend wohlbekannten Klo-putiKopfe zogen wir, d. h. zur „Geier- oder Adler-Mütze", wo man jetzt gerade den Herrn dieser Grenzlande erwartete. Es ist diess nicht direct der Schah, er bat hier einen sehr selbständigen Vasallen hingesetzt, der erblich das Land als sein Eigenthum verwaltet und in dem Städchen Namin seinen Sitz hat. Er ist nicht einmal abhängig vom nahewohnenden Gouverneur von Ardebil und hat den schmalen Grenzstreifen bis zur Karasu-Ebene als eigenmächtiger Fürst zu regieren. Am Klo-puti erwartete man ihn, er wollte, was die Orientalen alle gern thun, auf die Sommerfrische in's Gebirge ziehen und zugleich in seiner Weise Gerechtigkeit üben, allerlei Streitigkeiten schlichten. Es waren schon Zelte und viele Kibitken für die Dienerschaft und abseits auch solche für die Mutter des jungen Herrschers und ihre Suite aufgeschlagen worden. Wir warteten. Die stattliche Cavalcade — sie bestand wohl aus 100 Personen und ebensoviel en Pferden — erschien sehr bald. Mir-lutf-Aliohan — der Sohn des vor vier Jahren gestorbenen, mächtigen Mir-Sultan-Achmed-chan mit dem Range und Titel Seif-ul-Miilk, d. h. das Schwert des Reiches, — erscheint

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dem Europäer als ein junger, unbedeutender Mensch. Wir wurden ceremoniell und mit allen Ehren empfangen. Die Mutter des Chans schickte allerlei persische Confitüren und auch frische Gurken, welche zu dieser Zeit auf dem Hochlande noch selten sind.

Nach mehrstündigem Aufenthalte und eingenommenem Gastmahle konnte ich die Reise zum Küs-jurdi antreten und erreichte die dort stationirten Kibitken am Abend. Hier nun wurde der Sonntag dazu verwendet, eine recht eindringliche Untersuchung der steilen Abstürze des Gebirges gegen Osten zu bewerkstelligen. Die Jäger begleiteten mich und waren in der That so glücklich, vier der grossen persischen KönigshUhner (Megaloperdia caspica, Gml. = M. Raddei Br. et 81.) anzutreffen, von denen eines angeschossen, aber leider im unzugänglichen Felsenchaos, wohin es sich geflüchtet, nicht gefunden wurde. Ausser Acoenter alpinus und modularis wurde hier eine dritte Flühevogelart erlegt, welche ich auch später am Sawalan wiederfand. Die Vegetation bot verhältnissmässig wenig und vor allen Dingen mir nichts Neues. Diese Gegenden sind für Seltenheiten doch noch zu niedrig und die tiefer gelegenen Wiesen, wo sie nicht abgeweidet waren, trugen zwar kräftige Narbe, aber immer nur die gewöhnlichen Kräuter, welche man in 5—7000 Fu88 Meereshöhe überall in Transkaukasien finden kann. Vom Küs-jurdi aus zeichnete ich mein erstes Bild des Sawalan, dessen gesammte Ostfront mit der breiten, die ganze Westseite der Ebene von Ardebil einfassenden Basis sich am frühen Morgen in wunderbarer Klarheit präsentirte.

Gegen 9 Uhr brachen wir auf, um gegen SW dem Thale des Ambarani abwärts folgend, in die Ebene von Ardebil zu gelangen und womöglich noch an demselben Abend die Stadt gleichen Namens, im SW-Winkel gelegen, zu erreichen. Dieses ist selbst in dem Falle möglich, wenn man bei den, nur im guten Schritte gehenden Packpferden bleibt, was Jedermann gerathen werden muss, weil hier überall Diebe und Räuber anzutreffen sind, welche die käuflichen persischen Autoritäten wenig fürchten und ihr Wesen ziemlich unbehindert treiben. Ich darf also die Strecke vom Küs-jurdi bis zur Stadt auf kaum mehr als 7 deutsche Meilen veranschlagen, da ich sie, ohne zu eilen, in 10 Stunden zurücklegte. Für den Botaniker wird auf dieser Strecke der langsam auslaufende Westfuss des Randgebirges gewiss von besonderem Interesse sein. Hier kommt er, trotz der Meereshöhe von über 5000 Fuss doch schon in die heisse Zone (Sommerzeit, Plateau, trockene, dünne Luft) und findet viele jener eigenthümlichen, stacheligen und behaarten, ausdauernden Gewächse, welche den Hochländern Vorderasiens ein so sonderbares Pflanzenkleid verleihen. Ist dasselbe auch keinesweges üppig, mangelt ihm vor allen Dingen das saftige Grün und meistens auch die breit entwickelte Blatt

form, so ist es dagegen im höchsten Grade originell; ebensowohl in Gestalt, wie in der Färbung und im Einzelnen betrachtet, bietet es ebenso barocke als auch schöne Gestalten. In dieser Zone machte ich auf dem Rückwege Halt und sammelte hier die besten Pflanzenproben während meiner diessjährigen Reise.

Zum grossen Theile ist das südliche Drittheil der Ebene von Ardebil ziemlich stark von Salzen durchdrungen. Zwar sah ich nirgends die weissen Incrustationen und stehenden Salzlachen, allein die grosse Verbreitung verschiedener Statice-Arten und einiger ächten Halophyten bestätigen doch meine Ansicht. An solchen Plätzen fehlt denn auch die Cerealien-Cultur, welche hier, überall wo es nur möglich, ebensowohl in der Ebene, als auch im Gebirge in grossem Maassstabe Statt findet und zwar mit Hülfe der Bewässerung. Der gesammte Ostfuss des Sawalan, hinauf bis über 7000 Fubs Meereshöhe, zeigt uns vornämlich ein gut bearbeitetes und sorgsamst bewässertes Ackerfeld, auf welchem der Weizen und die Gerste in unglaublicher Dichtigkeit und Reinheit wächst. Mit dem Eintritte in die Ebene von Ardebil sind denn auch die allerletzten Spuren der wildwachsenden Gebüsche verschwunden. Auch der gesammte Sawalan besitzt nur Juniperus communis in krüppeliger, niederliegender Form, und nur an einer einzigen Stelle fand ich die all erdürftigste Zwergform von Cotoneaster. In der Ebene ist es nur die angepflanzte Weide, welche alle Ortschaften umsteht, doch besitzt Ardebil auch grosse und gut gehaltene Obstgärten, in denen zumal verschiedene Apfelsorten gut gedeihen, die Rebe aber ungedeckt , wie ich mich überzeugte, sehr gelitten hatte und erst jetzt, Ende Juni (alten Styls) dürftig auszuschlagen begann. An Stelle aber der für den Heuschlag so ergiebigen basal-alpinen Wiese, tritt nun im heisseren Gebiete der Ebene überall die Cultur der Esparsette und Luzerne auf, welche beide aber auch nur bei genügendem Wasser üppig gedeihen und jetzt zum zweiten Male mit der Sichel geschnitten wird. Noch muss bemerkt werden, dass die Bewohner der Ardebil-Ebene weder persischer noch türkischer Abkunft sind, sondern vielmehr als aus Talysch eingewanderte Mohammedaner betrachtet werden.

Auf das Allerangenehmste wurde ich in Ardebil überrascht, als wir endlich, nach langem Ritte durch die engen Strassen, an deren beiden Seiten hohe, fensterlose Lehmwände emporstreben, vor einer ziemlich unansehnlichen Pforte standen , und nachdem ich, eintretend, einen kurzen und schmalen gepflasterten Weg zurückgelegt hatte, in einen sauber gehaltenen Garten schaute, an dessen einer Seite am Ende das Wohnhaus meines mir bis dahin ganz unbekannten Wirthes stand. Dieser war der reiche, armenische Kaufmann Paron-Chaschatur-Melkowitsch, dessen sUdpertische, getrocknete Früchte und Rosinen alljährlich auf dem Jahrmärkte von Nischne-Nowgorod en gros verkauft und von dort oft bis weit in's Herz von Sibirien transportirt werden. Es giebt in Ardebil noch 5 andere, armenische Kaufleute, welche diesen Handel mit getrockneten Früchten in Händen haben. Mein Wirth ist weit und breit im Lande ab ein höchst wohlwollender und nobler Mensch bekannt. Noch im vergangenen, so harten Winter hat er sich sehr hervorgethan, denn, als die Hungersnoth auch den Gau von Ardebil heimsuchte und mit dem alltäglichsten Nahrungsmittel des armen Mannes hiesiger Gegend, mit dem Gerstenmehle abscheulicher Wucher getrieben wurde, eröffnete er sechs Magazine, welche Mehl zum früheren, mästigen Einkaufspreise dem hungernden Volke Uberliessen. Bald erschien er und gewährte mir auf das Zuvorkommendste die Gastfreundschaft in einer so freigiebigen Art, wie sie nur der Orient kennt.

Ardebil selbst hat ein ärmliches Ansehen. Die Bazare sind zwar gross, aber ausser den alltäglichsten Lebensmitteln findet man in ihnen doch nur wenig wertbvolle Waaren, das Meiste ist wahrer Plunderkram. Die Bäder sind ebenfalls schlecht. Alles geräth in Verfall, so auch die Gouvernementa-Gebäude, in denen ein Onkel des Schah, der Enkel Feth-Ali-schah's: Chadshi seif-ud-dowlet, residirt, den ich bei officieller Visite als einen durchaus einfachen, alten Herrn kennen lernte, welcher mich im prunklosen Sommergemache empfing. Auch die vom Franzosen Gardanne zu Anfang dieses Jahrhunderts erbauten Festungswerke mit doppeltem Graben an der Südseite der Stadt in der Nähe des Iialvk-tschai-Bacb.es gelegen, fand ich gänzlich verfallen und verwachsen.

Die Krone aber von Ardebil ist und bleibt das Mausoleum des Scheikh-Sefi, des Stifters der Secte gleichen Namens, welcher als erster der Sefiden Schah-Ismail entstammte, der wie jener, als Heiliger verehrte Scheikh, hier begraben liegt. Über 500 Jahre alt ist dieser Prachtbau, und staunend betrachtet das Auge des Europäers dessen mehr und mehr in Verfall kommende Reste, dabei an die einstige Grösse Persiens den richtigen Maassstab legend. Leider kann Über Naoht diesen Prachtresten ein plötzliches Ende gemacht werden. Man vergesse nicht, dass der Sawalan als drittes Hauptcentrum der Erdbeben Transkaukasiens zu betrachten ist, und dass von hier aus zu wiederholten Malen auch in neuerer Zeit sehr heftige Erderschütterungen erfolgten. Das langgestreckte Hauptgewölbe, gleich in der kirchenartigen, grossen Vorhalle des Mausoleums, zeigt einen mehrere Zoll breiten, durchgehenden Längenris», und an vielen anderen Stellen bemerkt man sehr wesentliche Beschädigungen, welche nur als Folgen der Erdbeben zu betrachten sind.

Ehedem führten zu diesem berühmten Kirchenbau zwei grosse Vorhöfe. Neuerdings stürzte auf dem vorderen dieser beiden das hintere Prachtportal ein, und dem Haupteingangsthore mit seinen Nischen, Architecturen und wundervollen Mosaiken steht ein gleiches Schicksal sicherlich bevor. Bereits fehlen StOoke in den leibdicken, türkisblauen, in gewundener Thauform gebildeten Hauptsäulen und Bogen, welche die Mosaike zum festen Abschlüsse bringen, und von diesen letzteren, die, bei unglaublicher Mannigfaltigkeit der Zeichnung und Farbe, dennoch den schönsten altperaischen Blumentypus rein erhalten zeigen, fehlen schon sehr viele. Quer durch den inneren Thorraum ist eine Kette gespannt und wer sich jenseits derselben im Innern des Hofes befindet, ist geschützt. Ihn kann Niemand, selbst der allmächtige Arm des Schah's nicht erreichen. Erst im zweiten gleichgestalteten Hofraum waltet Ruhe, da der vordere im Verlaufe der Zeit profanirt und zu einem Marktplatze verwandelt wurde. Es wäre wohl geboten, die noch vorhandenen Reste dieser schönen persischen Architectur und Ornamentation der Nachwelt im treuen Bilde zu erhalten. Ein halbes Jahr würde zwei tüchtigen Zeichnern genügen, um namentlich die vorzüglichen Mosaike zu copiren, sie sind sich wohl untereinander ähnlich, aber alle doch verschieden. Dem Mausoleum nahe sieht man dicht nebeneinander viele Grabsteine.

An der Hauptthüre angekommen, muss der Europäer das Fusszeug ablegen, obgleich das Innere des Heiligtbums durch die Mohammedaner, sowohl Wallfahrer, als auch Wächter, entweiht wird. Ich fand sie dort ganz gemüthlich beim Thee und zwar bei dem russischen Samawar, der sich also doch als höchst praktisch in dem Sanctuarium unbehelligt festgesetzt hat, trotz des Fanatismus der Perser. Viel zu weit würde es führen, ausführlicher an diesem Orte über die beiden Grabstätten zu berichten. Die beiden grossen Sarkophage sind aufs Feinste geschnitzt und zeigen das Beste, was Perlmuttermosaik schaffen kann. Sie sollen in Indien gemacht worden sein. An der kleineren Grabstätte Ismail's kann man auch jene seltenen Kacheln sehen, die unter dem schönsten Lasurblau goldschimmerndes Muster besitzen.

Besondere Erwähnung verdient aber ein grosser Anbau, dessen hohe Wände überall die zierlich in- und übereinander geformten Zwergnischen besitzen. In diesem Anbau, der mit schön geschwungener Kuppel zum Abschlags kommt, wurde bis 1839 die wertbvolle Bibliothek des Scheikhs und seiner Nachkommen aufbewahrt, zu welcher Zeit aber fast alles Werthvolle davon nach St. Petersburg geschickt und später durch den berühmten Akademiker Fräbn der gelehrten Welt bekannt gemacht wurde. Hier nun, in diesem grossen Saale, wo zolldick (wörtlich) der Staub lagerte und die kostbaren Gewebe, mit denen die Wände bekleidet waren, schon in Fetzen herabhingen, war der ganze Fussboden dicht mit den prachtvollsten, altpersischen, indischen und chinesischen Porzelanen und Fayencen bestellt. Da sah man viele grosse, flache, dünne und ganz durchsichtige Schalen, hell-milchweiss, mit dunkelblauer, verwaschener Zeichnung, dann wieder vasenartige, massive Gefässe, auch flaschenförmige, breitbauchige, seitlich zusammengedrückte mit Drachenzeichnungen. Auch lagen hier in einigen Schalen sehr schöne geschnittene Steine, namentlich Jaspis. Das alleB würde, da es, wenn nicht nach Tausenden von Exemplaren, so doch nach vielen Hunderten zählt, einen vortrefflichen Bestand für ein Museum bilden, und wie viel reicher muss diese Sammlung gewesen sein, wenn man bedenkt, dass Vieles davon der Zeit und den Erdbeben verfiel und auch Ardebil zu Anfange dieses Jahrhunderts mehrmals geplündert wurde. Einst hatte dieses Etablissement, welches nicht allein die Grabstätte des Scheikhs Sefi, sondern auch seine Wohnung, seine Medsched und Schule enthielt, eine jährliche Einnahme von 18000 Ducaten. Jetzt leben die mohammedanischen Wächter von den Einnahmen, welche die wenigen schaulustigen Fremden und die Wallfahrer schenken. Wie gesagt, es ist Alles dem gänzlichen Verfalle ganz nahe.

Was mich in Ardebil interessiren konnte, hatte ich Alles bis zum 19. Juni in Augenschein genommen, mehrmals auch den Bazar besucht, um originelle ethnographische Objecto zu erhandeln, und so konnte ich denn früh Morgens am erwähnten Tage, noch begleitet von einem persischen Gensd'armen zum Sawalan mit meinen Leuten aufbrechen. Sein volles Bild lag direct gegen Westen vor uns. Langsam ging es in der Ebene vorwärts. Das Dorf Achmian wurde bald erreicht, aber erst in Chaladshioh, hart am Fusse des Gebirges gelegen, machten wir Halt und ruhten bis 1 Uhr. Hier ist die ansteigende Ebene sehr steinig und ernährt, wo sie nicht bewässert wird, vorwaltend die Arten der sterilen Steppe, namentlich auch Euphorbia Garardiana und Peganum Harmala. Sehr bald aber änderte sich das. Beständig stiegen wir nun bergan und erreichten bald recht saftig grüne, aber total abgeweidete Wiesen, in denen zwei Kleearten vorwalteten. Hoch vor uns lagen nun einige Schneeschrammen des die Ostseite des Sawalan umgürten* den Eisil-bari, welcher bis in die hochalpine Vegetationszone ansteigt und jetzt noch zum grössten Theile schneebedeckt war. Dorthin hatten wir zunächst zu wandern.

Bei den Sommerfrischen der Dshihachanumlinzen machten wir kurzen Halt und erquickten uns an vorzüglichem Airam. Dieses sind friedlich gesinnte Schach-sewanzen, welche ihre Weideplätze nahe bei den berühmten Schwefelquellen, die Sardaba genannt werden, besitzen. Die Quellen

sind im Sommer stark besucht, und lagerten auch jetzt dort mehrere Reisegesellschaften, Gross und Klein, Mann and Weib, alles badet dort beisammen, aber nur, wenn es Orientalen, zumal Perser sind; das unerwartete Erscheinen eines Christen in dieser Gesellschaft würde sicherlich Tumult veranlassen. Höher am Kisil-bari entspringen noch mehrere heisse Quellen, welche gelegentlich ebenfalls benutzt werden, Es sind diess die Wasser vom Gotur-su, von Schah-bil und von Mo-ul.

Von grossen Schwierigkeiten bei dem weiteren Vordringen habe ich hier Nichts erlebt. Selbst mit schwerem Gepäcke und nur sehr mittelmässigen Pferden kamen wir überall leidlich durch, natürlich nur im Schritte. Die Weiden wurden immer üppiger, und der Klee blieb dominirend, aber an vielen Stellen bemerkte ich hier die schmalen und gelben Blätter einer Bulbocodium-Speoies, die ich am folgenden Tage auch nahe der Schneeschmelze blühend sammelte; sie ist giftig und wird dem Vieh oft tödtlich, wenn solches zu viel davon frisst. Bis dahin hatte ich aber im Talyscher Gebirge von dieser Art Nichts bemerkt, wohl aber die viel breiteren und höheren Blätter des im Herbste schön blühenden Colchioum speciosum wahrgenommen, welches hier förmlich das basal-alpine Veratrum zu ersetzen scheint, da ich letzteres nirgends beobachtete.

Wir durchschritten das Weidegebiet der Risabeglinzen und höher noch das der Begbaglinzen, welche alljährlich einen Theil ihrer Weiden an russische Unterthanen vom Araxes und aus Talysch vermiethen. Sodann, in einer Höhe von wohl schon 9000 Fuss über dem Meere, waren die übel berüchtigten Ekalinzen stationirt, welche als Räuber und Mörder verschrien sind und ihr sauberes Handwerk auch während unseres Aufenthaltes in ihrer Nähe trieben. Höher als diese noch, wohl schon über 9500 Fuss stiessen wir auf die friedlichen und zahlreichen Larlinzen, welche im Rufe grösserer Gesittung stehen, und blieben bei ihnen. Sie stellten uns eine Kibitka ausserhalb des Lagers auf und wir richteten uns nach Möglichkeit ein. Welche Bewandtniss es aber mit dieser sogenannten Gesittung bei den Schach-sewanzen „den Lieblingen des Schah's" hat, konnten wir schon während unseres kaum zweitägigen Aufenthaltes vielfach erfahren. In der ersten Nacht stahl man im Lager vier Schafe und den angesehensten Ältesten, einen Chadshi, prügelte sein eigener Sohn erbärmlich durch. Höher nun noch am Kisil-bari, dem östlichen Gürtel des Sawalan, leben im Sommer die Alibabinzen.

Bis in diese hochgelegenen Gebiete traf ich die gewöhnliche Feldlerohe hier als Sommerbewohner an. Ihre Verbreitung in dieser südwestlichen Caspi-Gegend als Brutvogel ist sehr interessant. Sie sind durch zwei Ursachen bedingt, die eine ist orographischer, die andere klimatischer Natur. Alauda arvensis fehlt vollkommen im gesammten Tieflande von Talysch und Gilan, es ist ihr hier im Sommer zu nass and nur im Winter und gegen das Frühjahr hin traf ich dort kleine Völker dieser Art an, im Sommer fehlt sie absolut, Überspringt dann auch das gesammte Waldgebiet und tritt erst unmittelbar westlich vom Randgebirge als gemeiner Brutvogel auf dem persischen Hochplateau auf.

Am Freitage dem 20. Juni/2. Juli wurde die Ostfront des Sawalan betreten und bis zur äussersten Höhe des schon öfters erwähnten Kisil-bari verfolgt. Dieser Gürtel, vulcanischer Natur, behält an einigen Stellen seiner Kammhöhe im wilden Chaos der Felsen Schneespuren auch im Hochsommer, jetzt aber fand in 10—11000 Fuss Meereshöhe überall die Schneeschmelze Statt und wir wanderten in seiner Kammregion meistens in erweichtem Schnee. Dieses Gebirge tritt der Ostspitze des Sawalan, welche eine stumpf konische Form besitzt, ganz nahe und ist mit ihr durch eine nur geringe Einsattelung verbunden, so dass man, wenn es Zeit und Zweck der Heise bedingen, auch von hier zur Höhe der östlichen Hälfte klettern kann. Eben von dieser, von mir erstiegenen Stelle zieht es sich der gesammten NW-8eite des Riesen entlang laufend und allmählich mehr und mehr gegen Norden gerichtet, weit hin und entsendet eine grosse Menge nackter Rippen zum mittleren Karasu-Laufe. Das von ihm und dem Sawalan eingeschlossene Thal wird schlechtweg als Sawalan-Golü benannt.

Langsam stiegen wir in Begleitung mehrerer Schachsewanzen bergan, zunächst wendeten wir uns südlich, um in das Karatsohai-Thal zu gelangen, und in diesem ging es nun ohne besondere Eile fort, weil Alles, was die alpine Flora bot, gesammelt werden sollte. Es war nicht viel. Wo nur immer die Vegetation abweidbar war, fanden wir sie bereits auch in diesen Höhen benagt. Nur das Bulbocodium, die Ranunkel, Pusohkinia, mehrere Gagen und Ornithogalum Sp. munden den Schafen nicht und prangten in voller Blüthe. Auch der Kamin des Kisil-bari-Zuges hat seine Köpfe, welche meistens gegen Ost und Nord steil abgebrochen erscheinen. Als wir uns in dem wilden Felsenmeere eines dieser Köpfe bewegten, scheuchten wir 4 Wölfe auf, die hier in circa 11000 Fuss Meereshöhe am Tage ruheten, um in der Nacht die Schafe der Schachsewanzen zu rauben. Der Wolf folgt nämlich aus den Tiefländern den wandernden Heerden; ganz so thut er das in vertioaler Richtung der Beute wegen, wie es die Edelfalken, welche am Eismeere im Sommer den Gänsen und Enten nachstellen, zum Winter es in der Horizontalrichtung vollbringen und die vielen Hunderte von Meilen, welche die nordische Tundra vom Südufer des Caspi trennen, zurücklegen, um sich am Ziele ihrer Wanderungen reichlich zu ernähren.

Auf der höchsten Stelle des Kisil-bari angelangt, befand ich mich unmittelbar vor der höchsten Ostfront des Sawalan. Es gab in dieser Höhe jetzt keine einzige Pflanze. Selbst der tiefer auf den Schneefeldern überall jubelnde Anthus aquaticus und sein Begleiter im Sommer in der alpinen Zone, Phileremos alpestris (v. larvata) fehlten. Die Schneeschmelze war in vollem Gange, ein heftiger Ostwind wehete. Ich zeichnete daher nur das Bild des Berges nnd wir stiegen dann zum tiefen Thale des Sawalan-Golü herab, um viel weiter gegen Norden abermals den Kisil-bari zu übersteigen und so zu unserer Kibitka bei den Larlinzen gegen Abend zurückzukehren.

Je weiter wir nun gegen N und NW vordrangen, um so klarer enthüllte sich vor uns das gesammte Bild des Sawalan. Sehr bald schon trat der westliche Gipfel in's Gesichtsfeld, dessen steile, zerrissene Ostwand den einstigen hier Statt gefundenen Einsturz augenscheinlich bestätigte. Zwischen beiden Gipfelhöhen liegt nun die geräumige Tiefe, zu welcher man von NW kommend, leicht gelangen kann und wohin die Wallfahrer gemeinlich gehen. Denn dort, höher postirt, ruht auoh unter nachlässigem Holzüberbau der Heilige des Berges, dem die Wallfahrt, Andacht und das Opfer gilt. Man soll das Skelet eines Menschen dort sehen können, und nicht weit davon befindet sich das Bassin mit dem heiligen, köstlichen Wasser.

Am 21. Juni wurde während der Rückkehr vom Sawalan gejagt und herbarisirt. Auch hier stiessen wir an Steilfelsen auf kleine Brutcolonien der gewöhnlichen Hausschwalben (H. urbica), welche in ganz Transkaukasien nur sporadisch an einzelnen Localitäten, die meistens über 4000 F. Meereshöhe haben, vorkommt und nur an einer Stelle (Derbent) bis zum Meeresufer herabsteigt. Erst Abends erreichten wir Ardebil.

Am 25. Juni/7. Juli kam ioh Nachmittags wieder zu den Weideplätzen am Küs-jurdi, nachdem vorher am mittleren Ambarani eine sehr reiche botanische Ausbeute gemacht worden war. Nur eine kurze Ruhe hielten wir hier und reisten dann weiter. Ich befand mich nnn an dem von allen anderen am tiefsten in das Plateau gegen W einschneidenden Quellarm der Lenkoranka und dieser ist von allen anderen der bei weitem interessanteste. Es zwingen nämlich zwei mächtige Gebirgsstöcke — deren einer vom erwähnten Küs-jurdi gegen NNW, der andere von der Wasserscheide im über 8000 Fuss hohen Kemür-Kui sich gegen Osten abtrennen und bei ihrem endlichen, stumpfwinkligen Zusammenstosse den Eingang in die sogenannte Tang-Schlucht herstellen — sämmtliche nördliche Quellwasser der Lenkoranka sich in einem verhältnissmässig tiefgelegenen Kesselthale zu sammeln und dann als schon recht

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