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die berühmten Rainen eines römischen aus Alabaster erbauten Tempels.

Für den Ethnographen von Interesse sind die längeren Excurse, welche Burton Über die jetzigen Bewohner des Landes seinem Werke einverleibt hat. Ausser den MaasehBeduinen, welche hauptsächlich bereits auf türkischem Gebiete hausen, mit Vorliebe aber in ägyptisches Territorium einbrechen und die Pilgerstrasse unsicher machen, ist der nördliche Theil der Aufenthalt der Stämme der Howeitat, der Maknawi und der Beni Ukbah, welche wahrscheinlich aus Ägypten stammen, obwohl sie sich selbst zu den edelsten arabischen Stämmen rechnen. Unzweifelhaft steht diese Abstammung fest von den Balijj oder Beli, den Bewohnern Süd-Midiaus bis zum Wadi Hamz, welche, wie ihre Vorfahren , wenn auch in viel geringerem Maasse, eine bergmännische Thätigkeit betreiben. Zwischen diesen Stämmen zerstreut, wohnen die verachteten Huteim, welche eine ähnliche Stellung wie die Zigeuner in Ägypten einnehmen; es ist eine Pariatribus von unbekannter Herkunft, mit welchem die Beduinen keine Zwischenheirathen schliessen. Die Zahl der Bewohner auch nur annähernd festzustellen, stiess auf unüberwindliche Schwierigkeit, indem die Beduinen, um sich einen Schein von Macht zu geben, ihre Stärke stets um das Zehn- und Zwanzigfache übertrieben.

3. Ch. McDoughty's Reise in West- und CentralArabien, 1876—78 '). Wenn wir oben erwähnten, dass seit Guarmani's Besuche von Hail bis 1879 kein weiterer Versuch gemacht worden war, Central - Arabien zu erforschen, so hat diese Behauptung nur insofern Berechtigung, als bis zur Veröffentlichung von Blunt's erstem Berichte fast Nichts von den ausgedehnten Reisen Ch. McDoughty's bekannt geworden war. Seitdem hat der Reisende selbst einen kurzen Bericht über seinen fast 2jährigen Aufenthalt unter den Beduinen erstattet, aber gerade seine Kürze lässt uns um so mehr bedauern, dass wir einer ausführlichen Darstellung der Resultate, welche der kühne Forscher heimgebracht hat, noch entbehren. Die Reise wurde ursprünglich nur zu dem Zwecke unternommen, um die in Felsen eingehauenen Wohnungen von Madjin Salih zu besuchen, erreichte jedoch eine unerwartet lange Ausdehnung, da günstige Umstände es gestatteten, auch tiefer in's Innere vorzudringen und Routen zurückzulegen, die bisher kein Europäer betreten hatte.

Ton Mohamed Sadik-Bey: „Medine il y a vingt ans", im Bulletin de 1» Societe Khediviale de geographie No. 8.

') A. Sprenger: Doughty's Forschungen im nördlichen Arabien.

(Globus 1880, XXXVII, Nr. 13.) Ch. M. Doughty: Keisen in

Arabien. (Globus, 1881, XXXIX, Nr. 1 und 2. Mit Karten.)

Schon der erste Tbeil der Route liegt zum grössten Theil auf jungfräulichem Boden. Von Damascus begab sich unser Reisende nach Mezarib, dem Sammelpunkte der syrischen Mekka-Pilger, und brach von hier am 13. November 1876 mit der Karawane nach S auf. Zwei Tagereisen führten über die wüste Ebene von Ramteh, die nächste Station wurde im Wadi Zerka aufgeschlagen, dann folgten Kelat Blat, Kelat el-Belka, Kelat Katran, Kelat Haessi, Aneise und Maan, von wo Palgrave 1862 seine Reise nach dem Wahabiten - Reiche angetreten hatte. Von Damascus aus führte der Weg beständig über ein allmählich ansteigendes Kalkstein-Hochplateau, welches nur mit einer dünnen Schicht culturfähigen Bodens bedeckt war; es ist der Weidebezirk der Howeitat-Beduinen, welche McDoughty, entgegen der Ansicht Burton's, für Nachkommen der alten Nabathäer hält, da sie sich durch grobe Körperbildung von den Arabern unterscheiden. Zwei fernere Tagereisen führten über das Hochplateau, dann begann bei Akaba der Abstieg in die Wüste, welche im Westen von den Sandsteinmassen der Hisma begrenzt wurde. Erst von Dhat-elHadj an begann das Terrain wieder zu steigen; über el-Kaa, Tebuk, wo Wallin's Route nach Djof gekreuzt wurde, Dar-el-Mughr, Kelaat-el-Akhdar, Birket Moattham im Wadi-es-Sani, Dar-el-Hamra und Mufarisch-er-Ruz wurde Madjin Salih (El-HedBcher) erreicht.

Hier trennte sich der Reisende, welcher, vertrauend auf die strengen Gesetze arabischer Gastfreundschaft, ohne eine muhammedanische Verkleidung anzunehmen, sich in die fanatische Pilgerkarawane gewagt hatte, von seinen Reisegefährten , um deren Rückkehr von Medina, wohin er selbst in der Zeit des auf's Höchste erregten religiösen Fanatismus sich nicht begeben konnte, zu erwarten. Die Zwischenzeit benutzte er vortrefflich zu eingehenden Erkundigungen über die hydrographischen Verhältnisse von West-Arabien und war dadurch in der Lage, den Ursprung jenes mächtigen Wadi-el-Hamz, welches Burton's Verwunderung erregte, festzustellen. Es entspringt in zwei Armen als Wadi Djizzl von N kommend aus den westlichen Abhängen der Harrah und den östlichen des Djebel-el-Schafah, als Wadi-el-Humd von S her, dessen Anfänge in der Gegend von Mekka liegen sollen. In Begleitung der Nomaden durchstreifte McDoughty dann das ganze Gebiet bis el-Teima und Djebel-Irnan. Von hier aus drang er endlich nach Djebel - Schammar vor, wo er, entgegen der gastlichen Aufnahme, welche das Blunt'sche Ehepaar') beim Emir Mohammed-Ibn-Raschid kurze Zeit später gefunden hat, unfreundlich empfangen wurde. Trotzdem hielt er sich, ge

>) Eigentümlicherweise berichten diese Beisenden Nichts von dem Aufenthalt eines Europäers in Hail, obwohl kaum angenommen werden kann, dass sie Nichts von demselben erfahren haben sollten.

schützt durch die Gastfreundschaft eines Vetters des Emirs, einen vollen Monat in Ha'i'1 auf und trat dann den Rückweg nach Khaibar an, wo ihn die fanatisirte Bevölkerung zum Rückzuge nach Hail zwang. Auch hier ausgewiesen, gelang es ihm, in die Landschaft Kasim zu entkommen, er wurde aber in Bereyda ausgeraubt und entkam mit Mühe durch den hier kaum 6 miles breiten Ausläufer der Nefud nach Aneisi, von wo ihm nach Überstehen vielfacher Gefabren der Rückweg nach Djidda, dem Hafenorte Mekka's am Rothen Meere, ermöglicht wurde. Hier traf er in der Mitte des Jahres 1878 ein.

Dieser flüchtige Überblick über den Verlauf der McDoughty'schen Reise lässt erkennen, dass es ihm gelungen war, besonders den westlichen Theil Central Arabiens, welcher bisher nur nach arabischen Geographen und Erkundigungen bekannt war, in vielen Richtungen zu durchkreuzen, so dass wir wohl eine bedeutende Erweiterung unserer Kenntnisse durch ausführlichere Mittheilungen erwarten dürfen.

Schon jetzt giebt er einige wichtige Aufklärungen über die Vertheilung der Harrah, jener vulcanischen Zone, welche Burton vergebens zu erreichen bestrebte. Es sind alte Lavafelder, die theils unmittelbar über die Grundlage der geologischen Formation Arabiens, den Granit, (heilweise über die Sandsteinschicht sich ergossen, an einzelnen Stellen auch durch die Kalksteinkruste hindurch sich Bahn gebrochen hatten. Von Damascus aus durchzieht so eine allerdings nicht zusammenhängende, sondern häufig unterbrochene, schmale vulcanische Zone die ganze Halbinsel bis zur südlichen Hälfte des Rothen Meeres und findet in demselben noch ihre Fortsetzung in den vulcanischen Inseln, welche dem Festlande vorlagern. Obwohl noch in historischer Zeit in der Ahrar - el - Medina ein vulcanischer Ausbruch Statt gefunden hat, so wissen die Nomaden Nichts von feuerspeienden Bergen, auch Erdbeben sind ihnen nur dem Namen nach bekannt. H. Wichmann.

„Entdeckung eines neuen Handelsweges für Süd-Amerika durch Prof. Carl Wiener".

Diese Überschrift trägt eine Mittheilung in Nr. 11 des „Export" vom 15. März 1881, deren Inhalt der französischen geographischen Zeitschrift „L'Exploration" entnommen ist.

Aus diesem Aufsatze, sowie aus vielen anderen Referaten, welche durch Fachschriften und Zeitungen die weiteste Verbreitung gefunden, geht hervor, dass Mr. Charles Wiener das Verdienst für sich in Anspruch nimmt, nicht nur für die Schiffbarkeit des Rio Napo eine bisher wünschenswerth gebliebene Bestätigung geben zu können, sondern auch einen näheren Weg von Quito über die Cordillere nach dem Napo aufgefunden zu haben.

Der Vortheil, welcher dem französischen Handel aus diesem Erfolge der Expedition erwachsen soll, wird so scharf betont, dass der deutsche Berichterstatter des „Export" wohl mit Recht die Frage aufwerfen konnte:

„Wird Deutschland auch hier wieder zu spät kommen?" —

Diese Befürchtung dürfte jedoch vorläufig eine unbegründete sein, wie sich aus den topographischen Verhältnissen und anderen beachtenswerthen Thatsachen leicht nachweisen lässt.

Es ist den Geographen, welche sich mit der Hydrographie und Orographie Süd-Amerika's beschäftigen, den französischen gewiss nicht weniger, wie denen anderer Länder, hinlänglich bekannt, dass die Schiffbarkeit des Rio Napo bis hinauf nach Santa Rosa schon seit sehr geraumer Zeit nachgewiesen ist. Auch Dampfboote haben in dem

letzten Jahrzehnt — so der kleine peruanische Dampfer „Pastaza" — den Beweis dafür geliefert, gleichzeitig aber auch in Erfahrung bringen müssen, dass der Rio Napo der Schifffahrt alle die Schwierigkeiten bietet, welche den übrigen mächtigen Zuflüssen des Amazonas eigen sind.

Was die Geschichte der Schifffahrt auf dem Rio Napo anbelangt, so ist es ja genügend bekannt, dass der Lauf seiner Gewässer zur eigentlichen Entdeckung des grössten Flusssystemes der Welt führte. Genau den gleichen Weg, wie Mr. Wiener, von Quito ausgehend, schlug Orellana bereits im Jahre 1540 ein und entdeckte den mächtigen Strom, welchem der mythische Name „Amazonas" beigelegt wurde. Schon im Jahre 1637, einem gleichfalls noch weit zurückliegenden Datum, unternahm es Pedro de Teixeira von Parä aus mit zahlreichen Begleitern, den Rio Amazonas und Napo stromaufwärts verfolgend, nach Quito zu ziehen. Die Reise nahm ein volles Jahr in Anspruch. Auf dem gleichen Wege kehrte er, begleitet von den Jesuiten d'Artieda und d'AcuQa, im folgenden Jahre nach seinem Ausgangspunkte zurück. Bekannt ist es auch, dass die Missionen am oberen Amazonenstrome meist von Quito aus, via Napo, begründet und verwaltet wurden. Der Pater Fritz, der am Ende des 17. Jahrhunderts zur Kenntniss dieses Gebietes so wesentlich beitrug, wusste recht wohl, welche Bedeutung der Rio Napo für das ecuatorianische Hochland und dieses selbst für die katholischen Missionen im tropischen Urwald habe. Nicht weniger kannte der um die Kartographie der „Provincia de Quito" hochverdiente Maldooado, der seine Reisen im Anfang des 18. Jahrhunderts unternahm, den rauhen Pfad, welcher über die ungastliche (istliche Cordillere nach den „Embarcaderos" oder „Puertos", den Einschiffungsplätzen des Rio Napo, führte.

Die französischen Akademiker La Condamine, Qodin und Bouguer, welche 7 Jahre lang (1735—1742) mit der Gradmessung im ecuatorianischen Hochlande beschäftigt gewesen waren, vermieden absichtlich, für ihre Rückreise den Rio Napo zu wählen, da sie seinen Lauf für hinlänglich erforscht hielten. Sie zogen es vor, die bisher unbekannter gebliebenen Ströme, den Rio Pastaza und den Marafton zur Erweiterung der hydrographischen Kenntniss zu befahren.

Seit jener Zeit ist die Reise von Quito nach dem Napo und von seiner Mündung flussabwärts zur Küste, oder den Marafion aufwärts nach Peru, häufig genug ausgeführt worden , ja, man kann sagen, unzählig oft, wenn man zu den Pionieren auch die Abenteurer rechnet, welche ausgingen, Minen zu suchen oder fabelhafte Schätze, „riquezas", zu entdecken, wie sie noch heutigen Tages die Phantasie der spanischen Abkömmlinge in die düsteren Wälder des NapoGebietes verlegt. Viele gingen zu Grunde, Andere knüpften kleine Handelsbeziehungen an, welche stets auf die ungerechteste Ausbeutung der beklagenswerthen Indianer hinausliefen.

Indianer und Weisse haben als Cascarilleros bei dem Suchen nach den spärlich durch den Wald vertheilten Chinchona-Bäumen, welche das werthvolle Handelsproduct der China-Rinde liefern, die unglaublich unwegsamen Abhänge der Cordillere in allen Richtungen durchstreift.

Ein grosses Contingent von Napo-Reisenden stellten auch die zahlreichen Revolutionen des ecuatorianischen Hochlandes, theils an Flüchtlingen, theils an solchen, welche als Verbannte diesen Weg wandern mussten. Auch für nicht politische Verbrecher ist der Napo stets eine erwünschte und sichere Zufluchtsstätte gewesen.

Zu den vielen, welche sich in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts zu einer Reise nach der des Fiebers wegen gefürchteten „Montana del Oriente" bestimmen Hessen, zählen auch einige Naturforseher und fleissige Sammler. So besuchte der englische Arzt und Botaniker, Dr. Jameson, der lange Jahre in Quito ansässig war, das Napo-Gebiet zu wiederholten Malen.

In dem gleichen Verhältniss wie die Aussicht auf eine Zunahme von Handel und Verkehr nach Freigebung der Schifffahrt auf dem unteren Amazonenstrome (1867) für Brasilien wuchs, steigerten sich auch in dem Hochlande von Ecuador, als die Nachricht dahin drang, die Illusionen, welche man mit dem Rio Napo als neuen Communicationsweg zu verbinden sich längst gewöhnt hatte. Wer es verstand,

als Ausländer und vermeintlicher Ingenieur, dieses Traumbild in den richtigen Farben zu beleben, sicherte sich in Quito den, allerdings zweifelhaften, Ruhm eines grossen Sachverständigen und erntete den ungetheilten Beifall der gerade an der Spitze der Regierung stehenden Persönlichkeiten.

Solchen traditionellen Anschauungen traten begreiflicherweise auch die meisten der Gutachten nicht schroff entgegen, welche Ingenieure von Fach, die nach Ecuador verschlagen, ihr Glück zu machen suchten, der Regierung oft genug zur Realisirung des Wegprojectes, aufgefordert und unaufgefordert, unterbreiteten.

Die letzte ausführliche Beschreibung dieses vermeintlich von Mr. Charles Wiener neu entdeckten Handelsweges ') verdankt man dem Amerikaner James Orton, welcher 1867 als Chef einer, von der Smithsonian Institution ausgesendeten , wissenschaftlichen Expedition diesen Weg einschlug und dessen Aufzeichnungen den Eindruck grosser Wahrheitsliebe und Gewissenhaftigkeit machen.

In den letzten Jahren der Regierung des Präsidenten Garcia Moreno war die Verwaltung des Napo-Gebietes in die Hände der Jesuiten gelegt und ihrer Intelligenz es ganz anheim gegeben, den Handel, wenn möglich, zu heben, die 'Communicationswege zu verbessern und die Indianer, ohne welche der Weisse in diesen Gegenden vorläufig nicht existiren kann, systematisch zur Arbeit anzuhalten. Ob diese Maassnahme ihren Zweck erreicht haben würde, ob sie zum Vortheil und zum Schutz der armen Indianer, gegenüber dem früheren Verwaltungssysteme, wo es dem Gobernador überlassen war, zum Besten seines eigenen Vortheiles den geringen Handel zu monopolisiren, ausgefallen wäre, dürfte schwer zu entscheiden sein; nur ist es höchst wahrscheinlich , dass Garcia Moreno diesen Systemwechsel mit dem Leben bezahlen musste. Ein früherer Gobernador des Napo war es, welcher im Jahre 1875 dem Präsidenten das Messer meuchlings durch die Brust stiess, weil ihm die Erlaubniss, für Handelszwecke nach dem Napo zurückzukehren, nachdem die Jesuiten von den Missionen daselbst aufs Neue Besitz genommen, verweigert worden war.

Die Anfuhrung dieser wenigen, aus der Geschichte herausgegriffenen Thatsachen wird genügen, um zu zeigen,

') „L'Exploration" Tome XI, No. 213, 17. Furier 1881, p. 409. „Aidi de ces braves compagnons, Mr. Charles Wiener, arrive le 6 octobre au Para, a l'embouchnre de 1'Amazone, avait en »ix mois menö a bonne lin un travail qni n'avait jamais et£ entrepris. 11 avait parcourn et mesure l'Amerique meridionale dans sa plus grande largeur; il avait completi l'immensu voio commerciale naturelle tracee par le plus grand ileuvc du monde. Entreprenant sur le Napo une expädition que les gens du pays jugeaient entierement impracticable, ü a hisse «vnnt tout autro le drapeau fran<;ai» sur ces eauz, dont la prise de possession ideale itait jusqu'alors inscrite seulement dans les chartes et constitutione politiques".

dass es der Expedition des Mr. Charles Wiener kaum bedurft haben würde, um den Nachweis zu liefern, dass der Rio Napo unter Umständen als Handelsstrasse dienen könnte. Dagegen fragt es sich, ob auch in anderer Hinsicht die Bedingungen erfüllt sind, um diese zu einer vortheilbaften zu gestalten.

Seit Einführung der Dampfschifl'fahrt auf dem Amazonenstrome ist die Dauer der Reise allerdings wesentlich abgekürzt worden; in einer geringeren Zahl von Wochen, als die der Monate, welche man früher gebrauchte, könnte man die 2500 engl. Meilen zurücklegen und von Parä naoh Santa Rosa, dem äussersten Punkte, bis zu welchem vielleicht zeitweilig kleine Dampfer auf dem Rio Napo vorzudringen vermögen, gelangen.

Nicht weniger kommt aber auch die Communicationsfähigkeit desjenigen Terrains in Betracht, welches zwischen dem Ausschiffungspunkte Santa Rosa und dem Bestimmungsorte der Waaren, Quito, gelegen ist. Die Beschaffenheit dieses Weges würde demnach, wenn das Hochland von Ecuador überhaupt einen Import oder Export besässe, der für den europäischen Markt von grösserer Bedeutung wäre, den Ausschlag geben. Erst dann würde der Zeitpunkt gekommen sein, zu entscheiden, ob der Rio Napo zu einer Handelsstrasse werden könne, ob das Bedürfniss, ob die Möglichkeit, ihn dazu zu machen, gegenwärtig mehr gegeben sei, als es bisher der Fall gewesen, wo es nicht geschehen.

Diese Frage müssen wir den Angaben und bestechenden Andeutungen des Mr. Wiener entgegen, entschieden verneinen, sofern es nämlich Mr. Paul Pellegrin, als Berichterstatter, gelungen ist, den ihm von dem Ersteren zugegangenen Mittheilungen den richtigen Ausdruck zu geben.

Hinsichtlich der anzuwendenden Transportmittel zerfällt der zwischen Santa Rosa und Quito noch verbleibende Weg, dessen Länge auf mindestens 300 km veranschlagt werden muss, die in etwa 18 Tagen (aber nicht in 4 Tagen, wie Mr. Paul Pellegrin aus den Angaben des Mr. Charles Wiener geschlossen hat ')), zurückgelegt werden können, in drei Theile, von welchen jeder einzelne eine Summe ungewöhnlich grosser Hemmnisse für die Communication bietet.

Von Santa Rosa nach dem Dorfe Napo (450 m über dem Meere), von wo der Landweg beginnt, muss das Fortkommen durch Canoes vermittelt werden. Diese Reise nimmt, da die Strömung eine sehr reissende ist und mehrere Stromschnellen überwunden werden müssen, etwa

') ^'Exploration", p. 410. „Une Toie navigable est trouvee depuis 1'Atiantique jusque dans le Napo, ä une faible distance de Quito. Le voyageur a passe plusieurs semaines ä chercher le passage le meilleur de la Tille au Üeuve. La route qu'il a choisie en dernier lieu ne represente guere que quatre jours de marche enriron".

7 Tage in Anspruch, stromabwärts dagegen nur 6—7 Stunden.

Der zweite Theil des Weges, von Napo nach Papallacta, durchschneidet ein Urwaldgebiet, in welchem ausserordentliche Terrainschwierigkeiten in Verbindung mit den ungünstigsten Witterungsverhältnissen es bis jetzt nicht ermöglicht haben — wie durch Mr. Charles Wiener selbst hervorgehoben worden ist —, auch nur einen Saumpfad für Reit- und Lastthiere zu bahnen. Acht beschwerliche Tagemärsche gehören dazu, diesen Weg zurückzulegen.

Alle Waaren müssten demnach in wasserdichter Verpackung auf den Rücken der Indianer befördert werden.

Dass dieser bisher übliche Transport, der schon für die geringe Bagage vereinzelter Reisenden oft kaum zu ermöglichen ist, für Waaren ein sehr kostspieliger und gewagter sein würde, liegt auf der Hand. Er wird aber auch fast zur Unmöglichkeit dadurch, dass an den sich immermehr entvölkernden Ufern der Zuflüsse des Rio Napo eine grössere Zahl von Lastträgern gar nicht aufzubringen wäre und der Versuch, diess durch Gewalt zu thun, den kleinen Rest der Indianer nur bestimmen würde, die Heimath mit einer anderen weniger beunruhigten zu vertauschen. Am meisten fällt jedoch in's Gewicht, dass dieser Weg überhaupt nur 6 Monate im Jahre — November bis April — begangen werden kann. In der übrigen Zeit sind die wilden Gebirgsbäche, deren Überbrückung selbst in Europa die kostspieligsten Kunstbauten bedingen würden, unpassirbar und bringen den Reisenden, der zwischen zwei plötzlich zu Flüssen anschwellenden Bächen vielleicht auf Wochen eingeschlossen wird, in die Gefahr des Verhungerns.

Von der Beschaffenheit eines solchen Pfades und dem mühseligen Fortkommen, das in einem fast ununterbrochenen Steigen, Klettern und Versinken besteht, kann sich nur derjenige eine richtige Vorstellung machen, welcher den tropischen Urwald, in einer fast permanenten Regensaison, selbst betreten hat.

In diesem Falle handelt es sich auch nicht um einen ebenen Uferwald, vielmehr gilt es gleichzeitig eine beträchtliche Steigung, einen Niveau-Unterschied von 2800 m für eine Horizontal-Entfernung von etwa 170 km, in wilder mit dichter Vegetation bedeckter Gebirgslandschaft, zu überwinden, bevor man bei Papallacta die obere Waldgrenze, noch nicht aber den Gebirgskamm, überschreitet.

Den ersten beiden Abschnitten des Weges entsprechend, entbehrt nun auch der dritte und letzte Theil der Hindernisse und Gefahren nicht.

Es lässt sich der Weg von dem kleinen in 3156 m Höhe gelegenen Dorfe Papallacta bis zu dem bewohnten Chillo-Thale (circa 2400 m) in 2 Tagen, und von da bis Quito in einem Tage zurücklegen. Das nahe Ziel verbirgt Bich jedoch hinter einem der unwirtlichsten Päramos des südamerikanischen Continents, hinter dem fast immer von Wolken belagerten Gebirge, welches in Quito die „Cordillera oriental" genannt wird und eine Passhöhe von über 4200 m besitzt.

Wenn auch für Lastthiere zugänglich, so können doch nur Pferde und Maulthiere, die auf diesem Päramo selbst gezüchtet sind, dem Reisenden ein einigermaassen sicheres Geleit durch trügerische Sümpfe und an den steilen Felsabhängen entlang geben. Dichter Nebel, durchdringende Kälte, heftiger Wind, in Verbindung mit Hagel und Schnee, haben schon manchem Indianer des heissen Landes, der gezwungen wurde, mit schwerer Last den gefürchteten „Guamanf" zu überschreiten, das Leben gekostet.

Die von Papallaota aus nach Quito führenden, nichtsdestoweniger viel frequentirten Pfade, sowohl der, welcher bei Paluquillo mündet, als auch der, welcher durch die Encafiada nach der Hacienda Itulgache geleitet und eine 48 m geringere Passhöhe (4173 m) besitzt als der erstere, ziehen sich in Hochthälern entlang, welche die Grenze zwischen dem mächtigen Gebirgsstock des Antisana und dem vielzackigen, vulcanischen Gebirge des Guamanf bilden. Ein anderer kürzerer, weniger beschwerlicherer Weg existirt nicht; ihn aufzufinden verbieten a priori die topographischen Verhältnisse.

Nur ein höchst kostspieliger Strassenbau, nicht die Intelligenz des einzelnen Mannes, könnte hier Abhülfe bringen, wo das Zusammenwirken der mächtigsten Naturkräfte, erhöht durch die Ungunst der klimatischen Verhältnisse, sich über ungemessene Flächenräume erstreckt und die menschliehe Energie auf eine zu harte Probe, in Bezug auf die zu erzielenden Vortheile, stellen würde.

Wie sehr muss unter solchen Umständen die Nachsicht überraschen, dass es Mr. Charles Wiener gelungen sei, gleich bei seinem ersten Besuche dieser Cordillere, bei einem flüchtigen Passiren derselben — welches doch nur mit Hülfe weglcundiger Führer und Thiere geschehen konnte — einen Weg aufgefunden zu haben, wie man sich ihn für die Communication mit der „Provincia del Oriente" seit 300 Jahren vergeblich gewünscht hat, einen Weg, welcher nicht nur Ecuador aus seiner höchst ungünstigen commerciellen Lage zu befreien vermöchte, sondern der sogar für den europäischen Handel von Bedeutung zu werden verspräche.

So oft auch das Project eines Napo-Weges Gegenstand enthusiastischer Erörterungen in Quito gewesen ist, so hat man doch niemals ernstlich daran gedacht, selbst unter der Präsidentschaft des thatkräftigen Seilor D. Gabriel Garcia Moreno nicht, es durch eine, wenigstens oberflächliche Vermessung des Terrains, der Realisirung näher zu fuhren.

Das von Revolutionen jetzt mehr denn je zerrüttete und Petermiim'» Geogr. Mittheünngen. 1881, Heft VI.

tief verschuldete Eouador befindet sich wahrscheinlich gegenwärtig um so weniger in der Lage, Millionen aufzubringen, welche die Anlage eines transitablen Weges nach der so gut wie unbewohnten „Provincia del Oriente" verschlingen würde.

Und wenn der Weg existirte, was könnte Ecuador auf demselben exportiren? Nichts, was auch nur annähernd ein so kostspieliges Unternehmen zu rechtfertigen vermöchte. Erzreiche Minen besitzt weder das vulcanische Hochland, noch das in Vegetation begrabene Tiefland, und es ist vom geologischen Gesichtspunkte aus nicht wahrscheinlich, dass solche entdeckt werden, oder wenn sie entdeckt würden, bei massiger Ausbeute mit Erfolg bearbeitet werden könnten, ehe nicht eine gänzliche Umgestaltung der social-politischen Zustände des Landes Statt gefunden habe. Andere Erzeugnisse des Bodens und der Industrie, welche aus dem Hochlande diesen Weg nehmen könnten, sind kaum vorhanden; die geringen Quantitäten Chinarinde, welche noch zu erlangen sind, würden dabei kaum in Betracht zu ziehen sein.

Für den Import aber dürfte die Tragkraft eines kleinen Dampfers und eine einzige Reise desselben genügen, um das Hochland von Ecuador für ■ den Zeitraum eines Jahres mit den Producten europäischer Industrie auskömmlich zu versorgen.

Zur Einführung dieser Artikel aber steht der äusserst beschwerlichen 18tägigen Reise vom Ausschiffungspunkte in Santa Rosa nach Quito, ganz abgesehen von der vorhergegangenen circa 2500 englische Meilen langen Flussfahrt, der nur 6—8tägige Weg von dem Seehafen Guayaquil nach Quito, so schlecht er auch ist, doch vollkommen concurrenzfähig gegenüber.

Die ecuatorianische Regierung, deren einzige sichere Einnahmequelle das Zollhaus von Guayaquil bildet, befürchtete jedenfalls nicht, ihre Einkünfte zu beeinträchtigen, als sie allen Waaren, die via Napo eingeführt würden, volle Steuerfreiheit auf 20 Jahre zusicherte. Und in der That Hess man, trotzdem der Zoll von Jahr zu Jahr an der Westküste gesteigert wurde, diesen Zeitraum, der jetzt fast abgelaufen ist, verstreichen, ohne den ernstlichen Versuch gemacht zu haben, von diesem für den Kaufmann angeblich so verlockenden Zugeständnisse zu profitiren.

Unter solchen Umständen ist es nicht leicht einzusehen, auf welche Voraussetzungen sich die Ansicht, im Rio Napo einen neuen Handelsweg entdeckt zu haben, basirt.

Jedenfalls ist es vom Standpunkte der geographischen Wissenschaft zu beklagen, dass Mr. Charles Wiener, nach Mr. Paul Pellegrin's Angaben, für den Bericht über die Resultate seiner Forschungsreise, welche er mit ausdrücklicher Autorisation der französischen Regierung unternommen, eine Darstellungsform gewählt hat, die zu einer irr

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