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gelangten wir daselbst an, und noch an demselben Tage besuchte ich in Begleitung des Gefe Politico (Polizeichef) und einiger seiner Freunde die in der Nähe gelegenen Ruinen. Hier sehen wir nicht mehr einzelne Pyramiden, sondern wahre Berge von Ruinen, die von einer üppigen Vegetation vollständig überzogen sind und durch die man sich nur mit einem macbete (eine Art von Säbel, dessen Ende dick und wuchtig ist) Bahn brechen kann.

Die Pyramide, welche ich erkletterte, um einen Blick auf die ganze Triimmerstätte zu werfen, liegt etwa 2 Meilen östlich von dem Orte, auf dem rechten Ufer des Rio Seco. Die erste Ruine, welche meine Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein viereckiger Thurm, der wie der berühmte Thurm zu Palenque von einem riesigen Baume überragt ward. Nördlich davon ist ein grosses Gebäude, welches aus zwei Hallen besteht. Auch dieses erinnert uns an Palenque, es ist aber grösser als alle Gebäude an jenem Orte und hat ausserdem drei viereckige Fenster) während solche zu Palenque gar nicht vorkommen. Weiter im Hintergründe bemerkten wir die Reste einiger ungeheuer grossen massiven Mauern, welche aus sehr dünnen rothen Ziegelsteinen bestanden, zwischen deren Lagen sich jedesmal eine noch einmal so dicke Schicht Mörtel befand. Mehr konnte ich für heute nicht besichtigen, da die einbrechende Nacht uns zur Rückkehr nöthigte. Man sagte mir, dass sich westlich von diesem Orte noch andere Ruinen befänden und dort noch viele mit Bildwerken geschmückte Steine zu sehen seien. Die grosse Anzahl dieser Ruinen überrascht mich nicht, denn ich wusste schon, dass Tabasco sowohl wie ein Theil von Chiapas damit dicht bedeckt waren, und hatte mich nicht wenig lächerlich gemacht, als ich nach der Rückkehr von meiner ersten Expedition diese Behauptung aufstellte. Ich hatte die Beweise für meine Behauptung schon damals zur Hand, hielt aber discreterweise noch damit zurück. Heute werden meine Annahmen duroh die ThatSachen bestätigt. Hoffentlich werde ich noch etwas Merkwürdigeres auffinden als zu Comalcalco, das, obschon seine zerfallenen Bauwerke niemals das Interesse erregen werden, wie die Prachtbauten Palenque's, doch ein bedeutenderer Ort ist als dieses.

Den 15. November. In der letzten Nacht blies der Wind stark aus Norden und brachte, wie es in diesen Breiten gewöhnlich ist, einen starken Regen mit. Man glaubt, dass derselbe 3 Tage anhalte, und während dieser Zeit kann Nichts unternommen werden. Man hatte mich über die nasse und trockene Jahreszeit in Tabasco schlecht unterrichtet. Die eigentliche Regenzeit fängt hier im Juni an und dauert bis Ende October. Aber dann kommen die Nordwinde, welche 1 bis 3, oder manchmal gar 14 Tage anhalten und stets von heftigen Regen begleitet sind. Die

Zeit der aufgezwungenen Unthätigkeit benutze ich, um mich mit den Eingeborenen zu unterhalten und ihre Traditionen zu erfahren. Ein Grossgrundbesitzer erzählte mir, dass er auf seinem Besitzthum über 300 Pyramiden gezählt habe, die alle mit Ruinen bedeckt wären. Diese Gegend muss einst sehr stark bevölkert gewesen sein. Bei Blasillo, das 50—60 Meilen westlich von San Juan Bautista liegt, soll es Ruinen geben, die besser erhalten sind, als die zu Comalcalco,

Als die Spanier auf ihrem ersten Zuge nach Yucatan an der Küste von Tabasco hinfuhren, sahen sie sowohl am Ufer als weit im Innern des Landes eine Menge weisser Gebäude, deren polirte Wände im Sonnenlichte flimmerten und glänzten; die Trümmer derselben finden sich noch allerwärts, von der Küste an bis zu den Bergen im Innern. In der Form wie in den Verzierungen zeigen sie eine gewisse Verwandtschaft mit den Bauwerken Yucatans, oder vielmehr die letzteren mit den ersten, denn ich halte die Denkmale Tabasco's für die älteren. Das Material bestand zwar hier aus Ziegeln, dort aus Steinen, doch sehen wir dieselbe civilisirende Kraft, denselben leitenden Geist bei verschiedenen Racen und in verschiedenartiger Umgebung wirken. Diese civilisirende Kraft, dieser leitende Geist müssen von den Tolteken ausgegangen sein. Ist diess der Fall, dann haben wir einen Anhalt für das Alter dieser Ruinen. Es steht fest, dass die Tolteken die Hochebenen von Mexico in dem 11. Jahrhundert verliessen, nach Clavigero 1023, nach Veytia etwas später. Auf zwei Wegen wanderten sie südlich, der eine Theil zog den Küsten des Stillen Meeres entlang, der andere den Ufern des Golfes. Die erste Abtbeilung gelangte über Oaxaca und Tehuantepec nach Guatemala, die andere besetzte durch Tabasco kommend Yucatan. Die Gesandten Xolotl's, des Königs der Chichimeken, welche die Nachfolger der Tolteken auf dem Plateau von Mexico waren, trafen sie ums Jahr 1120 in ihren blühenden Niederlassungen in Guatemala und Yucatan. Jenes friedliche Volk, welches nach Landa und Cogolludo Yucatan vom Norden und Westen aus besetzte, das civilisirte ohne die Waffen zu gebrauchen, überredete ohne zu schrecken, kann kein anderes als das toltekische gewesen sein. Eine ähnliche friedliche Eroberung wurde durch die Buddhisten in Java gemaoht. Mit Hülfe der besiegten Völkerschaften, deren Zahl viele Millionen betragen haben muss, errichteten sie die Denkmale, die heut' zu Tage unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Welchen Ursprungs war aber diese frühere Bevölkerung? Es bestehen eine Menge Theorien über den Ursprung und die grosse Zahl der Bewohner jener Länder. Die autochthonische Race mag noch manchen Zuwachs durch andere Völkerstämme erhalten haben, theils durch Einwanderungen vom Norden her, theils durch Schiffbrüche, oder durch Schiffe, welche nach den Küsten verschlagen wurden &c. Ich hoffe, dass ich noch im Stande sein werde zu beweisen, dass sich in Central - Amerika verschiedenartige Einflüsse, namentlich solche japanesischen und polynesischen Ursprungs, geltend gemacht haben.

Den 16. November. Erst heute gegen Mittag hörte der Regen auf. Meine 25 indianischen Arbeiter hatten sioh schon am Morgen nach den Ruinen begeben, aber wenig gearbeitet, denn als wir ankamen, hatten sie nur den Schutt am Fusse der Pyramide weggeräumt und auf der Plattform kaum begonnen.

Den 17. November. Es ist diess ein eigenthümlicheB Land, in welchem die Arbeit und das Leben etwas leicht genommen werden. Ich beschäftige, wie schon bemerkt, 25 Mann, denen ich dreimal so viel bezahle als den Indianern auf der Hochebene, und doch bringen sie nicht den vierten Theil der Arbeit zu Stande. Ich kann das aber nicht ändern, denn sagte ich das Geringste in befehlendem Tone, so würde man mir sofort die Arbeit kündigen. Der Aufseher, den ich über sie gestellt habe, spricht nur äusserst rücksichtsvoll mit ihnen und muthet mir zu, jeden misslichen Auftrag selbst zu ertheilen. Heute besuchte ich eine Gruppe von drei Pyramiden, welche nördlich von der grossen Pyramide liegen. Die grössere der Gruppe ist gegen 40, die kleineren sind 25 Fuss hoch. Man hatte mir viel von diesen Pyramiden erzählt, aber auf keiner fand ich mehr als formlose Trümmerhaufen.

Den 18. und 19. November. Es folgten zwei Tage heftigen Regenwetters und die Arbeit stand stille. Meine Abgüsse aus papiermache von verschiedenen Ornamenten und Inschriften habe ich unter Dach und Fach gestellt und will sie am Feuer trocknen.

Den 20. Novbr. Die Arbeiter haben jetzt den grössten Theil der Plattform der Pyramide freigelegt; sie hatten bei dieser Arbeit ein dichtes Gestrüpp und eine Anzahl grosser Bäume wegzuhauen. Diese Pyramide hat eine Höhe von 115 Fuss. Das Gebäude darauf ist ein grossartiger Palast von 2341 Fuss Länge, dessen Frontseite genau nach Osten liegt und dessen andere Seiten den übrigen Weltgegenden entsprechen. Ostlich und westlich davon sind zwei viereckige Thürme, welche einst auf Plattformen standen. Dieser Palast erinnert mich lebhaft an das Haus des Gouverneurs zu Uxmal, er ist nioht ganz so lang, aber gerade so hoch, und obschon durchaus von Ziegelsteinen und Mötrel erbaut, muss er mit Ornamenten in Stucco versehen gewesen sein, die, nach den umherliegenden Stücken zu urtheilen, jedenfalls eine sehr schöne Wirkung hervorgebracht haben. Nur zwei Gemächer sind noch erhalten, die eine wunderbare Ähnlichkeit mit den Bauwerken Palenque's zeigen. Wir

besitzen nun Merkmale genug, um den Grundplan des Gebäudes zu entwerfen.

Ähnlich wie la casa del gobernador zu Uxmal besteht der Palast aus einer doppelten Reihe von Zimmern. Die 10,9 Fuss hohen Aussen wände des Gebäudes trugen, wie die zu Palenque, ein hervorstehendes Karniess. Das Dach war schräg, und auch hierin besteht eine Ähnlichkeit mit Palenque. Die Mauern waren, so weit man diess noch erkennen kann, mit einer glatten Schicht Cement überzogen und ich glaube, dass die vielen Stücke aus Cement geformter Ornamente, welche wir gefunden haben, zu dem Karniesse gehörten. Wie zu Palenque war auch hier das steile Dach mit allerlei Zierrathen versehen, von welchen jedoch nur formlose Reste übrig geblieben sind.

Die Breite des Gebäudes beträgt, die Mauern eingerechnet, 24,7 Fuss, die eines jeden Gemaches nicht über 7,5, und die Dicke der Wände 3,6 Fuss. Die mittlere Wand ist 23,9 Fuss hooh und so massiv, dass sie etwa die Hälfte der Weite des ganzen Baues einnimmt. Diese Wand, welche beinahe das ganze Gewicht des Daches trägt, erweitert sich ungefähr von der Höhe des Karniesses ab, bis sie sich an dem weitesten Theile des Daches an dasselbe anschliesst. Das Wenige, was von dem Gebäude noch erhalten ist, hat 24 Fuss Länge, und auch dieses Stück wird in ganz kurzer Zeit ebenfalls nur ein Trümmerhaufen sein.

Ähnlichen Gebäuden in Chiapas und Yucatan nach zu schliessen, werden die Gemächer wohl nicht über 30 Fuss lang gewesen sein und der Palast hätte also 14 Zimmer paarweise enthalten, die durch Thüren miteinander in Verbindung standen. Wie zu Uxmal lagen auch hier die Zimmer, welche Licht und Luft zuliessen, auf der Vorderseite nach Osten. Der Palast hat Fenster, die ich seither an den amerikanischen Ruinen noch nicht beobachtet habe. Eins derselben befindet sich in dem noch stehenden Theil des Gebäudes; es bildet ein Parallelogramm von 5,9 Fuss Höhe. Bei dem Eingang an der Vorderseite sind noch drei Fenster derselben Form und Grösse. Die nördliche Wand, von welcher nur ein Theil steht, trägt noch Spuren der röthlich-gelben Farbe, mit welcher sie einst übermalt war. Dieses, sowie alle Gebäude zu Comnlcalco waren aus Schichten von Ziegelsteinen und Mörtel erbaut. Die Ziegel waren von verschiedenen Grössen von 5,9 bis 16,5 Zoll; die letzteren hatte man beim Bau der Ecken benutzt. Auf der grossen Pyramide fand ich zwei Ziegel mit Bildnissen; auf dem einen das Profil eines Mannes mit einem Federschmuck auf dem Kopfe, auf dem anderen eine Anzahl concentrischer Kreise.

Von dem Südost-Ende des Palastes, 36 Fuss entfernt, steht auf einer Plattform von Cement der Thurm Nr. 1. Er misst auf seiner nördlichen Seite 26J Fuss und mag auf der südlichen 30 Fuss gemessen haben; der zerfallene Zustand der Wände und der Plattform gestatten nur eine Schätzung. Dieser länglich viereckige Thurm enthielt drei Stockwerke, zeigt aber keine Spur von einer Treppe. Aus ■der Anlage der noch stehenden Theile, nämlich des ersten Stockes, welcher jetzt unter dem Boden liegt, und des zweiten Stockes geht hervor, ilass sich über dem letzteren eine Plattform befunden haben musste und dass die drei Stockwerke einen viereckigen Thurm in vier Abtheilungen bildeten, die an den noch erhaltenen Stellen folgende Dimensionen zeigen: Wände des Thurmea 2,29 Fuss dick; erstes inneres Zimmer 5,57 Fuss im Quadrat, zweites Zimmer, welches auf der Westseite anstatt der Wand mit Pfeilern versehen war, 5,41 Fuss im Quadrat, der eine noch erhaltene Pfeiler auf jeder Seite 37,4 Zoll. Unter dem zweiten Stockwerke und beinahe im Schutt vergraben, aber dennoch vermittelst einer Öffnung zugänglich, liegt ein Zimmer, das 7,87 Fuss lang und 4,92 Fuss breit ist. Die Decke darin bildet einen spitzen Bogen, während die des Zimmers im oberen Stocke mehr gewölbt ist. Die Ornamente an diesem Thurme müssen, den vorhandenen Resten nach zu schliessen, von hoher Vollendung gewesen sein.

Der Thurm Nr. 2 steht 33 Fuss vor der Westseite des Palastes, seine Grössenverhältnisse waren gleich denen des Thurmes Nr. 1. In einem unter dem Boden gelegenen Gemache fand ich im Schutte ein aus Cement geformtes schönes Basrelief. Es ist die Colossal-Figur eines Mannes, die vielfach beschädigt ist und von der nur noch der Rumpf, die eine Hüfte, ein Theil des Kopfes und die Arme erhalten sind. Dieses Basrelief kann recht gut einen Vergleich

mit den zu Palenque gefundenen aushalten, obschon es nicht so reich verziert ist, wie diese. Ausser einem reichen Gürtel trägt die Figur noch ein Halsband und einen Zierrath an dem einen Beine.

Den 21. November. Den heutigen Tag, Sonntag, benutzte ich, um vier Photographien von den Ruinen aufzunehmen, eine von dem Palaste, zwei von dem Thurme im Süden und eine von dem Überrest einer Inschrift.

Den 22. November. Immer noch durchsuchen wir den Gipfel der Pyramide. Wir haben dort andere Trümmerhaufen gefunden, die ganz mit verwesten Pflanzenstoffen Uberdeokt sind und bei denen man keine bestimmte Form erkennen kann. Täglich bringt man mir Nachricht von Ruinen, welche im Staate Tabasco nach allen Richtungen hin im Walde versteckt liegen. Centren der Bevölkerung früherer Zeiten giebt es ausser Comalcalco noch viele, sie alle zu durchforschen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diese „cordilleras" von Comalcalco, diese Berge von Trümmern, haben eine Ausdehnung von über 12 miles. Man sieht noch die Vertiefungen im Boden, wo einst die Erde ausgehoben wurde, die man zum Bau der Pyramiden bedurfte. Diese bestanden aber nicht allein aus Erde, sondern auch aus Ziegelsteinen, und ausserdem waren Strebewände darin aufgemauert, um der Masse mehr Halt und Festigkeit zu geben. Diese Structuren sind wunderbarer als die Pyramiden und alle anderen Werke zu Teotihuacan. Die Bevölkerung muss einst hier eine sehr dichte gewesen sein, und man wird Cortez Glauben schenken dürfen, wenn er sagt, dass ihm 3 Tage nach seiner Ankunft in diesen Gegenden eine Armee von 80000 Mann gegenüber stand.

G. N. Potanin's Forschungen in der westlichen Mongolei, 1876—1877.

(Mit Karte, s. Tafel 8.)

Unter den neueren russischen Forschungsreisen, welche die Aufschliessung der chinesischen Genzgebiete sich zur Aufgabe stellten, haben neben den epochemachenden Przewalski'sohen Entdeckungen besonders die eingehenden Studien des Ethnographen G. N. Potanin in der westlichen Mongolei allgemeines Interesse erregt, und befanden wir uns wiederholt in der Lage, auf die Wichtigkeit seiner mit so grosser Beharrlichkeit fortgesetzten und mit grossem Erfolge gekrönten Forschungen aufmerksam zu machen. Von Saisan reiste Potanin im Sommer 1876 über BulunTochoi, die junge emporblühende Handelsstadt, und Tulta nach Kobdo, wo er gegen seine Absicht zu überwintern gezwungen war, setzte darauf im nächsten Jahre seinen Marsch

nach S fort und erreichte über Barkul die freundliche Oase Chami am Südabhange des Thian-schan. Da die Forschungen noch im Jahre 1877 beendet werden sollten, so war nirgends ein längerer Aufenthalt gestattet; Potanin wandte sich wieder nach N, gelangte nach Uljassutai und vollendete seine Rundreise durch die nördliche Mongolei mit dem Besuch des Sees Kossogol, von wo er durch das Changai-Gebirge und längs des Ubsa-nor nach Biisk zurückkehrte. Als wir 1872 (Tafel 17) eine Übersicht der neuesten russischen Reisen in der westlichen Mongolei nach Wenjukow's Karte und 1873 (Tafel 3) das Itinerar der Expedition unter Matusowski und Pawlinow veröffentlichten, wurden diejenigen fraglichen Punkte von uns hervorgehoben, deren Lösung für die Kenntniss dieser Gegenden von besonderer Wichtigkeit wäre. Die damals als besonders wiinschenswerth bezeichnete astronomische Festlegung von Uljassutai war inzwischen bereits 1872 von dem englischen Reisenden Ney Elias ausgeführt worden, welcher die durch die Pawlinow'sche Itineraraufnahme, wie schon damals vermuthet wurde, bedeutend nach NO verzerrte Lage Uljassutai's berichtigte und diesen wichtigen Ort mit einer geringen Verschiebung nach W in die Position der Wenjukow'schen Karte zurückverlegte. Auch die Beobachtungen Rafailow's, des Astronomen der Potanin'schen Expedition, stimmen mit dieser Lösung gut überein und ist dadurch für künftige Aufnahmen in diesen Gegenden ein feststehender Punkt gewonnen worden, an welchen fernere Routen sich leicht anschliessen lassen.

Mit alleiniger Ausnahme des englischen Malers AtkinSod, welcher trotz seiner ausgedehnten, wenn auch in ihren Details vielfach angezweifelten Reisen, uns doch nur dürftigen Aufschluss über die geographischen Verhältnisse der russisch-mongolischen Grenzländer brachte, sind sämmtliche Reisende, welche die westliche Mongolei zum Schauplatz ihrer Forschungen machten, in west-östlicher Richtung auf der Route Kobdo-Uljassutai in dieselbe eingedrungen oder haben sie auf umgekehrtem Wege verlassen; Potanin war es vorbehalten, als der erste wissenschaftliche Reisende über Kobdo hinaus nach S vorzudringen und dann von SW her Uljassutai zu erreichen. Durch diese Ausdehnung seiner Forschungen wurde er in den Stand gesetzt, unsere Vorstellungen Über die Gestaltung des Altai wesentlich zu berichtigen, denn während man bisher annahm, dass dieses Gebirge sich höchstens bis zum Meridiane von Kobdo (91° ö. v. Gr.) erstrecke, hatte er seine östliche Verlängerung, den Altai-Nuru, auf dem Wege naoh Chami und auf der Rückkehr von hier nach Uljassutai zu überschreiten; nach den eingezogenen Erkundigungen setzt sich der Altai sogar bis zum Meridian des Orok-nor (101° ö. v. Gr.) fort, also um 10° weiter nach Osten gegen frühere Annahmen. Der Altai hat dort noch eine sehr bedeutende Höhe; der Pass Olöndaba, auf welohem Potanin nach Chami reiste, erhebt sich zu 2820 m, die benachbarten Gipfel werden also wohl 3000 m überragen. Leider zerbrach in der Nähe von Chami daa Barometer, während das Thermo-Hypsometer schon früher unbrauchbar geworden war, so dass die Reisenden auf dem Wege nach Uljassutai nicht mehr im Stande waren, Höhenbestimmungen vorzunehmen und mithin nicht untersuchen konnten, wie weit sich diese bedeutende Höhe des Altai erstreckt. Sein östlicher Theil trägt in seiner Hauptmasse den Charakter eines zusammenhängenden Plateau's ohne hervorragende Gipfel; seine im Minimum 2400 m hohen Rücken werden durch tiefe Schluch

ten voneinander getrennt, welche Gestaltung beim westliohen Theil nicht vorkommt.

Vom Thian-schan ist der Altai durch das breite Thal der Gobi geschieden, für welche Rafailow an der tiefsten Stelle eine Höhe von nur 716 m nachwies. Da Sossnowsky 1875 nordöstlich von Gutschen die Höhe der nördlichen Gobi zu 640 m und Przewalski 1877 nordwestlich davon zu 560 m bestimmte, so wird es durch diese neue Höhenmessung wahrscheinlich, dass das am nördlichen Abhänge des Thian-schan hinziehende Längenthal, welches nordwestlich von Schicho im Ebi-nor seine tiefste Stelle, 213 m, findet, sich noch über den Meridian von Kobdo nach Osten erstreckt. Wegen des schon erwähnten Unfalles haben die russischen Forscher, als sie die Gobi zum zweiten Male passirten, keine Höhenbestimmung vornehmen können; künftigen Reisenden bleibt es also überlassen, der östlichen Wasserscheide dieser Depression nachzuforschen und dadurch die ganze Ausdehnung derselben festzustellen. Bekanntlich dehnt sich auch am Südabhange des Thian-schan eine, wenn auch nicht so tiefe, Depression aus, die des Tarim-Beckens und des Lob-nor, deren östliche Wasserscheide ebenfalls noch der Erforschung harrt.

Ein weiteres Ergebniss der Rafailow'schen Ortsbestimmungen ist die genaue Festlegung der Oase Chami, welche gegen die Sossnowsky'sche Berechnung eine Verschiebung von ca 12 Minuten nach W erfahrt. Dadurch wird aber auch der ganze Südabhang des Thian-schan nach W verschoben, so dass Turfan ebenfalls weiter nach W zu liegen kommt und sich der aus der Itineraraufnahme des Jesuitenpaters d'Espinha 1756 abgeleiteten Länge (s. Mitth. 1880, S. 467) nähert, entgegen der Ansicht des Dr. A. Regel, welcher durch seine Reise nach Turfan 1879 zu der Annahme kam, dass diese Oase um oa 40—50 Werst weiter nach Osten liegen müsse, als man bisher annahm.

Auch im topographischen Detail und in den hydrogra phischen Verhältnissen treten gegen die früheren Grund' lagen unserer Karten, so gegen die Wenjukow'sche Karte (s. Mitth. 1872, Tafel 17) bedeutende Änderungen zu Tage Namentlich haben Gestalt und Lage der in der wostmongolischen Ebene, an den Südabhängen des Tannu-ola-Ge birges so zahlreichen Seen sehr bedeutende Berichtigungen erfahren; der Ubsa-nor, weloher bisher eine ostwestliche Richtung hatte, erstreckt sich jetzt von Nordost nach Südwest, auch die Ufer des schon häufig besuchten Kara-ussu oder Iche-Aral sind wesentlich umgestaltet worden. Ein Besuch des Kirgis-nor, welcher die Abflüsse des Kara-ussu und den Dsapchyn aufnimmt und als Centrum der Depression im S des Tannu-ola betrachtet werden kann, liess sich nicht ausführen, obwohl Potanin sich bestrebte, Gewissheit zu erlangen über die Aussagen von Mongolen, dass dieser See dem Kara-ussu an Grösse gleichkomme, wenn nicht übertreffe.

Da auch seine Absiebt, das Quellgebiet des Jenissei zu erforschen, wegen der Kürze der Zeit nicht zur Ausführung kommen konnte, so kehrte Potanin, nachdem er 1878 über den Verlauf der ersten Reise persönlich in St. Petersburg Bericht erstattet hatte, im nächsten Jahre zu einer neuen Forschungsreise in die westliche Mongolei zurück, deren Verlauf wir bereits früher (s. 1880, S. 315) kurz skizzirt haben. Obwohl die Ergebnisse dieser Expedition, auf welcher der Ubsa-nor in seiner ganzen Ausdehnung aufgenommen und ferner wirklich nachgewiesen wurde, dass der Eirgis-nor einen bedeutend grösseren Umfang habe, als die Karten ihm zuwiesen, so haben wir doch geglaubt, die Veröffentlichung der Karte über die erste Reise, welche wir der Güte des Generals von Stubendorf, Chefs der kartographischen Anstalt des russischen Kriegskarten-Depots, verdanken, nicht verzögern zu dürfen, da sie schon für sich einen hervorragenden Beitrag für die Kenntniss der westlichen Mongolei repräsentirt und die zweite Reise Potanin's mit den Aufnahmen des Astronomen Orlow zum grossen Theile ausserhalb des Rahmens unserer Karte fällt. Wir geben uns jedoch der Hoffnung hin, dass es uns bald möglich sein wird, mit den Ergebnissen dieser zweiten Reise auch die der Pjewzow'schen Expedition ') nach Kuku-ohoto

') Über den Verlauf der l'jewzow'schen Expedition vergl. Mitth. 1880, S. 422. AU vorläufiges Krgebniss veröffentlicht die K. Russische Geogr. Gesellschaft im 16. Bande, Heft 3 der Istwestija, eine Reihe astronomischer Positionsbestimmungen, welche von Oberat Scharnhorat berechnet, zum Theil (mit * bezeichnet) in den Bereich unserer Karte fallen.

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Wie die Vereinigten Staaten von Amerika jedes einmal in Angriff genommene Project mit rücksichtsloser Energie durchzuführen pflegen, sobald der Nutzen desselben erkannt wird, so haben sie auch die Erforschung des ungeheueren Gebietes im fernen Westen, welches ihnen in Folge des Krieges gegen Mexico zufiel, mit erstaunlicher Schnelligkeit begonnen und grosser Consequenz betrieben, ohne der ungeheueren Kosten zu achten, welche dadurch der Staatscasse auferlegt wurden. Die weiten, dünn bevölkerten Territorien, welche, obwohl seit mehr als 3 Jahrhunderten im Besitze von Spanien und Mexico und theilweise von Weissen bewohnt, vor 30 Jahren doch nur durch Streifzüge einiger kühner Trapper dürftig recognoscirt waren, erfreuen sich

jetzt einer sorgfältigen trigonometrischen Vermessung, wie sie manche Staaten Europa's noch entbehren. Seit der Mitte der 60er Jahre sind jene grossen Expeditionen unter Leitung von Hayden, Wheeler, Powell und King thätig, welche hauptsächlich mit der topographischen und geologischen Aufnahme eines mehr oder minder grossen Theiles dieses Gebietes betraut sind, die aber gleichzeitig so Grosses geleistet haben in der naturhistorischen, ethnologischen und archäologischen Durchforschung. Indem wir unseren Lesern beute eine Probe der neuen Bearbeitung von Stieler's Hand-Atlas vorlegen, wollen wir nur einige der wichtigsten Änderungen hervorheben, welche wir seit der letzten Ausgabe der Petermann'schen 6-Blatt-Karte den Aufnahmen von Hayden im

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