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pfänglichem Sinne genofs und seine Zeit zwischen der Bewirtschaftung seines Gutes und dem Studium griechischer Dichter, besonders des Theokrit, teilte. In diese Zeit fallen wahrscheinlich die dichterischen Jugendversuche Vergils, die von den Alten erwähnt werden; doch sind die meisten der kleinen Gedichte, die sich unter seinem Namen erhalten haben (Catalecta [Priapea, Epigrammata], Culex, Ciris, Copa, Moretum, Dirae, Lydia, Aetna), wohl nicht von Vergil. Von 42 an aber dichtete Vergil nach dem Vorbilde des Theokrit bukolische Lieder, die dem C. Asinius Pollio, der als des Antonius Legat das transpadanische Gallien, zu dem Mantua gehörte, verwaltete und nicht nur mit der griechischen und römischen Litteratur innigst vertraut war, sondern auch selbst als Redner, Geschichtschreiber und Dichter sich einen Namen in der römischen Litteratur erworben hat (vgl. E. 3, 86. Hor. c. II, 1), so gefielen, dass er dem jungen Dichter seine volle Gunst schenkte. Aus der behaglichen Ruhe, in welcher Vergil bis dahin gelebt hatte, wurde er im folgenden Jahre durch die Äckerverteilung gerissen, welche Octavian schon 2 Jahre früher den Veteranen versprochen hatte, jetzt aber erst zur Ausführung brachte. 18 Städte Italiens mit allen ihren Ländereien waren zur Strafe für ihr Festhalten an der Sache des Brutus und Cassius zu diesem Schicksale verdammt, unter ihnen Cremona, die Nachbarstadt Mantuas. Aber die ungestümen Veteranen, welche von der Freigebigkeit der Sieger noch grössere Belohnungen erwartet hatten, griffen nun, da sie sich in ihren Erwartungen getäuscht sahen, eigenmächtig zu und eigneten sich auch die Gebiete benachbarter Städte an. So wurden die Besitzer der Äcker um Mantua von den Veteranen vertrieben (vgl. E. 9, 28), und auch Vergil sah sich in dem Besitze seines Gutes gefährdet. Freilich schützte ihn noch sein Freund und Gönner Asinius Pollio; doch geriet er in neue Gefahr, als dieser im Herbste des Jahres 41 nach dem Ausbruche des perusinischen Krieges mit seinen Legionen dem L. Antonius zu Hülfe eilte. Erst nach der Zusammenkunft des Antonius und Octavianus zu Brundisium klärten sich wieder die Verhältnissé. Alfenus Varus erhielt die Leitung der Ackerverteilung im transpadanischen Gallien, und die Gunst des Octavianus, der Vergils Talent bewunderte, sicherte dem Dichter den Besitz seines Erbgutes.

In der Ruhe, deren er sich jetzt erfreute, bildete sich Vergil durch das Studium der Griechen zu dem von den Kennern seiner Zeit hochgeschätzten, von der Nachwelt bewunderten Meister der Dichtkunst. Die Technik des Theokrit, welche er auf das ge

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naueste studierte, lehrte ihn die rhythmische Kraft und Schönheit des Hexameters kennen; methodisch fortgesetzte Übungen im Übersetzen einzelner Stellen und mannigfaltige Versuche, in eigenen Gesängen mit dem Griechen zu wetteifern, gaben ihm die grosse Herrschaft über die Sprache, die er in seinem Lehrgedicht über den Landbau und in seinem Epos von der Gründung des Julischen Geschlechtes glänzend bewährt hat. Diejenigen Beispiele dieser Übungen, welche er selbst eines längeren Andenkens wert gehalten hat, sind uns in der Sammlung seiner Eklogen erhalten: denn alle rein bukolischen Gedichte (2. 3. 5. 7. 8. 9.) stammen ebenso wie die erste Ekloge, in der er die Not der vertriebenen und die Zufriedenheit der, wie durch göttliche Gnade, geretteten Besitzer wahr und schön geschildert hat, aus dieser Zeit der Vorbereitung (42-32 v. Chr.).

Durch diese bukolischen Gedichte begründete Vergil seinen Dichterruhm und erwarb sich treue Freunde und mächtige Gönner. Zu letzteren gehören Pollio, Maecenas und Octavianus; zu ersteren Cornelius Gallus, hochgeschätzt als Verfasser von vier Büchern Elegieen, der didaktische Dichter Aemilius Macer und L. Varius, bekannt als tragischer Dichter, bald auch Plotius Tucca, Propertius und Horatius, welcher sich Sat. I, 5, 40—42 über dieses Freundschaftsverhältnis so äussert:

Plotius et Varius Sinuessae Vergiliusque
occurrunt, animae, quales neque candidiores

terra tulit neque quis me sit devinctior alter. Spricht diese Stelle deutlich für den edlen und reinen Sinn Vergils, so geht auch aus anderen Zeugnissen, sowie aus seinen Gedichten hervor, dass Bescheidenheit, Herzensgüte und grosse Geneigtheit, die Verdienste anderer anzuerkennen, Hauptcharakterzüge Vergils waren. Dennoch fehlte es ihm nicht an Feinden, welche ihn um die Gunst, in der er bei Octavian stand, beneideten, oder als Anhänger der alten Dichterschule der neuen Richtung, welcher Vergil Bahn brach, überall entgegentraten. Bekannt sind von diesen Gegnern die von Vergil verspotteten Dichterlinge Bavius und Maevius, vgl. E. 3, 90. Dass Vergil sich aber so eng an Octavian anschloss, kann nicht Wunder nehmen, da er teils durch die Bande der Dankbarkeit an ihn geknüpft war,

teils in ihm den Beschützer und Pfleger der Wissenschaften verehrte, teils endlich die Republik nur in einer Zeit kennen gelernt hatte, wo der Staat ein Spielball in den Händen einiger Ehrgeizigen war, so dass Ruhe und Sicherheit sich nur von der Monarchie

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erwarten liess; dass aber Octavian zu dieser Alleinherrschaft von der Gottheit berufen sei, schien sein unerhörtes Glück hinlänglich anzudeuten, sowie die Mässigung und Milde, welche er bewies, ihm auch die Herzen vieler früheren Gegner allmählich zuführte.

Über die ferneren Lebensverhältnisse Vergils haben wir äusserst wenig verbürgte Nachrichten; nur soviel steht fest, dass er viel an Brustschmerzen litt und, wahrscheinlich durch seine Kränklichkeit veranlasst, seine späteren Jahre grösstenteils in Neapel verlebte, von wo er nur dann und wann zum Besuch seiner Freunde nach Rom kam. In Neapel dichtete er auch die Georgica, welche in vier Büchern die Erfahrungen und Regeln der italischen Landwirte über den Ackerbau, die Baumpflanzung, die Vieh- und Bienenzucht umfassen. Die Dichtung erhebt sich von dem Schmerz über die Greuel des Bürgerkrieges zu der Freude über die Sicherheit, welche die Siege des Augustus verhiessen: denn gerade in den Jahren, in denen Vergil sein erstes grösseres Werk schrieb (31 — 29 vor Chr.), dehnte Augustus durch die Niederwerfung des Orients seine Herrschaft über das ganze römische Reich aus. Durch dies Werk trat Vergil dem einzigen Dichter ebenbürtig zur Seite, welcher in der neuen Richtung des Geschmackes mit grösseren Sammlungen eigener Gedichte hervorgetreten war. Horaz hatte schon 35 v. Chr. das 1. Buch der Satiren herausgegeben; er veröffentlichte im Jahre 30 das 2. Buch der Satiren; in demselben Jahre erschienen die Epoden. Zahlreiche Oden des mit Vergil eng befreundeten Sängers waren schon bekannt geworden. Da regte Asinius Pollio auch unsern Dichter zur Vollendung seiner bukolischen Gedichte an; und dieser Anregung bedurfte es kaum; denn Vergil war unablässig bemüht, für seine Gedanken die vollkommenste Form zu finden. Es kam dazu, dass ein politisches Ereignis ihn nötigte, einen Teil der Georgica zu ändern. Sein Freund Cornelius Gallus, den er im 4. Buche der Georgica verherrlicht hatte, kam in den Verdacht der Untreue gegen den Kaiser, und Augustus, der die Bedeutung der neuen Dichterschule für die Befestigung seiner Herrschaft nicht verkannte, bestand darauf, dass dieser Teil der Georgica geändert werde. So entschloss sich Vergil dazu, die letzte Hand an die Bucolica und Georgica zu legen.*) Er voll

*) Sueton, rel. ed. Reifferscheid p. 62, 13: bucolica georgicaque emendavit. Da die Feile der einzelnen Verse von einem Dichter wie Vergil nicht noch besonders (vgl. ibid. p. 59, 12 ff.) in dieser Weise erwähnt werden durfte, so können diese Worte wohl nur bedeuten, dass

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endete die Eklogen in den drei Jahren 27-25 *) und schloss die Umarbeitung der Georgica im Jahre 25 ab, so dass er im ganzen auf dieses Werk 7 Jahre (31—25) verwandt hat. **)

Die neue Ausgabe erschien, als er die erste Hälfte seiner zweiten grossen Dichtung fast schon beendigt hatte. Gleich als ahnte er, dass ihm nur ein kurzes Leben beschieden sei und dass er seine Zeit eifrig benutzen müsse, wenn er sein G. III, 16-48 gegebenes Versprechen, die Thaten des Octavianus in einem Epos zu verherrlichen, erfüllen wolle, legte er unmittelbar nach der ersten Veröffentlichung der Georgica Hand an sein berühmtestes und von den Römern mit unglaublicher Sehnsucht erwartetes Werk, die Aeneide, ein Epos in 12 Büchern, das er jedoch nicht so vollendet, wie die Georgica, hinterlassen sollte. Im Jahre 19 nämlich reiste er nach Griechenland, um hier und in Kleinasien die letzte Feile an dies Werk zu legen; doch in Athen traf er auf den aus dem Orient zurückkehrenden Octavian und liess sich von diesem zur Umkehr nach Italien bereden. Schon kränkelnd bestieg er das Schiff, und sein Übelbefinden nahm während der Überfahrt so zu, dass er bald nach seiner Ankunft in Italien zu Brundisium am 22. Sept. 19 starb. Kurz vor seinem Ende soll Vergil die Absicht gehabt haben, die Aeneide als ein noch nicht gehörig durchgefeiltes Werk zu verbrennen; an der Ausführung dieses Vorhabens durch seine Freunde Tucca und Varius verhindert, vermachte er ihnen in seinem Testamente die Aeneide mit dem Auftrage, alles Unvollendete zu streichen, aber nichts hinzuzufügen. Inwiefern Tucca und Varius diesem Verlangen entgegengekommen sind, wissen wir nicht; nur wird von einigen Grammatikern berichtet, dass sie die 4 einleitenden Verse der Aeneide und eine Stelle im zweiten Buche (v. 567 - 588) strichen, son'st aber nichts tilgten.

Vergil war den Römern einer der grössten Dichter. Seine Sprache diente allen späteren Dichtern zur Norm, seine Werke wurden in den Schulen Jahrhunderte lang gelesen und von gelehrten Grammatikern, wie von Servius aus der Zeit des Kaisers Theodosius, vielfältig und sorgsam erklärt. Die Gründe dieses Ruhmes sind teils in der Wahl und Behandlung seiner Stoffe, teils in der vollendeten Form, die er seinen Gedichten gab, zu

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Vergil von beiden Gedichten eine zweite, ihm völlig genügende Recension veranstaltet hat.

*) Sueton. ib.p. 60,5: bucolica triennio Asinii Pollionis suasu perfecit.

**) Serv. in Verg. carm. comm. (edd. Thilo et Hagen) Vol. 1. f. 1. p. 2: georgica, quae scripsit emendavitque septem annis.

suchen. Denn nicht genug, dass er die Härten und Archaismen *) der früheren Dichter vermied, er wusste den Griechen auch viele Wendungen und Feinheiten abzulauschen und seiner Darstellung Fülle, Eleganz und Würde zu geben. Nicht minder gross sind seine Verdienste um die Ausbildung des Hexameters **); kein anderer römischer Dichter hat es wie er verstanden, den beabsichtigten Eindruck durch den Rhythmus hervorzuzaubern.

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*) Einzelne Archaismen finden sich allerdings auch im Verg., doch sind sie teils absichtlich aufgenommen, um der Rede altertümlichen Anstrich zu geben, teils aus Not gebraucht, um Worte und Formen für den Hexameter zu gewinnen. Dahin gehören die Formen ast, quianam, olli (f. illi), ollis, der Genet. aus ai, der Dat. auf u, der Inf. pass. auf ier (wie immiscerier G. I, 454), fuat, faxo, iusso, Ausstofsung des Vokals kurzer Silben, wie repostus, periclum, aspris (A. II, 379), und Abwandlung der Verba nach der dritten Konjugation, wie lavěre (f. lavare), fervěre, fulgěre, stridere, potitur (A. III, 56).

**) Den Hiatus erlaubt sich Verg. 1) nach der Arsis des 4. 5. und, wenn eine Kürze folgt, auch des 2. Fusses, besonders in Nom. propr. bei hinzutretender Interpunktion, 2) nach und in der Thesis gewöhnlich nur wenn nach griech. Vorgange eine lange Silbe verkürzt wird, wie E. 3, 79: valē, valē, inquit, Tolla, besonders bei Nom. propr., deren auslautende Länge sich jedoch zuweilen, ebenfalls nach griech. Vorbilde, erhält, wie G. I, 437: Glauco et ; bei einer kurzen Silbe nur, wenn eine starke Interpunktion folgt, wie E. 2, 53. 8, 11. A. I, 405. Die Verlängerung mancher als kurz geltender Silben, von der sich im Verg. viele Beispiele finden, ist meist durch die nachfolgende Cäsur begründet. Die Synizesis findet sich bei Verg. viel seltener, als bei den früheren römischen Dichtern: ausser in Nom. propr. meist nur bei ee (wie in den Formen von deesse), ei (wie ferrei, anteirent), eo (wie alveo, aureo), selten bei ea (aurea A. I, 698; ocreas A. VII, 634). Nach Silben, welche von Natur kurz sind und erst durch die Synizesis lang werden, hat Vergil die Verschleifung des i mit der folgenden Kürze nur in der 1. 2. und 5. Thesis, die Verschleifung des u mit der folgenden Kürze nur in der 1. und 5. Thesis angewendet. Die Verschleifung des i mit folgendem kurzen Vokal nach einer von Natur langen Silbe hat sich Vergil nur in der Thesis des 6. Fusses gestattet (vgl. precantia A. VII, 237; omnia G. IV, 221). Hiervon bilden jedoch eine Ausnahme die Composita von semis, welche mit choriambischer Messung (semihominis A. VIII, 194 und semianimis A. X, 396) in der ersten Hälfte des Hexameters vorkommen. Von Verbalformen finden sich im Vergil nur precantia A. VII, 237 und arietat A. XI, 890 durch die Synizesis verkürzt. Eine Zusammenziehung von uu in u erlaubt sich Verg. nur in currum, A. VI, 653 und in manum, A. VII, 490. Die Verbindung der Synizesis mit der Elision hat er sich nur in der Thesis des 1. Fusses gestattet, vgl. E. VIII, 81. G. IV, 243. A. X, 487; XII, 847. Die Tmesis kommt im Verg. ausser bei den auch adverbial gebrauchten zweisilbigen Präpositionen, wie super, circum, praeter, nur so vor, dass die Präposition durch ein angehängtes que von ihrem zugehörigen Worte getrennt ist, wie A. IX, 288: inque salutatam.

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