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winnen, so muss man nicht das Gedicht preisgeben, sondern die
Zeitbestimmung ändern und sich dabei nicht durch Bedenken
zurückschrecken lassen, welche mit den Thatsachen in offenem
Widerspruche stehen. Mit besonderer Betonung wird gegen
meine Hypothese geltend gemacht, dass es unzart gewesen wäre,
die Liebe zu Lycoris nach dem Tode des Gallus in einem solchen
Gedichte zu erwähnen. Diese Liebe war aber der Inhalt von
Gallus' Dichterleben. Martial sagt geradezu: ingenium Galli pul-
chra Lycoris erat (VIII, 73, 6). Im Osten und Westen des Rei-
ches kannte man Lycoris und Gallus (vgl. Ov. am. I, 15, 29 f.). Es
ist also nicht richtig, dass der Dichter durch die Klage um den
Dahingeschiedenen, in der Lycoris nicht ungenannt bleiben
konnte, eine “alte längst vergessene Liebesgeschichte wieder
aufgewärmt hätte (Flach. ib. p. 796 A. 16).

Aus grammatischen Gründen, welche lange bekannt waren,
und aus metrischen Bedenken, welche nicht widerlegt sind,
habe ich bestritten, dass Vergil E. 4, 12 Polio geschrieben habe.
Da wichtige sachliche Bedenken hinzukamen, habe ich den Na-
men getilgt, orbis in den Text gesetzt und dadurch eine in sich
übereinstimmende Interpretation der Ekloge möglich gemacht.
Wie schwerwiegend die sachlichen Bedenken waren, das haben die
letzten Jahre gezeigt. Agresti'), Benoist?) und Nettleship)
haben eine Interpretation der vierten Ekloge, welche den For-
derungen wissenschaftlicher Exaktheit entspräche, für unmöglich
erklärt. Kennedy (The works of Virg. p. 306) sieht in ihr ein an
Pollio bei der Geburt des Asinius Gallus gerichtetes Gratulations-
schreiben.) Glaser lässt sie bei derselben Gelegenheit gedichtet
sein, giebt ihr aber einen mehr launigen, scherzhaften Inhalt.")

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Nach Kappes (Buc. u. Georg. p. 17) gilt das Gedicht 'wohl vielmehr dem Octavianus als dem Schöpfer des goldenen Zeitalters', Vergil benutzte aber diese Veranlassung, um den erwarteten Sohn als einen Erstling des goldenen Zeitalters zu beglückwünschen”. Plüss, Hoffmann und Kolster bestreiten überhaupt die Beziehung auf einen Sohn des Pollio. Nach Plüss ist puer v. 8 und 18 ein Sohn des Bakchus (Jahrb. f. kl. Phil. 1877 p. 76), nach Hoffmann die neue Zeit selbst (de quarta Verg. ecl. p. 11), nach Kolster der Friede zu Brundisium (Ecl. p.59 f.). Alle diese so weit von einander abweichenden Erklärungen haben ein und dieselbe Lesart zur Voraussetzung. Die Verschiedenheit der Resultate deutet doch wohl darauf hin, dass der Ausgangspunkt der Untersuchung nicht richtig ist.

Dagegen hat die Hypothese, nach welcher durch das einzige Wort consule (v. 11) Augustus bezeichnet wird, durch Mommsens Nachweis (Röm. Staatsrecht II, p. 834-836), dafs Augustus sich in den fünf ersten Jahren seines Principats als Weltherrscher Konsul nannte, eine grosse Stütze erhalten. Ich habe also von meiner Ansicht nicht abgehen können.

Da aber die Interpretation der Eklogen in den letzten Jahren sehr schwankend geworden ist, so habe ich versucht, durch kurze Überschriften die Punkte anzugeben, welche nach meinem Dafürhalten die Interpretation im Auge behalten muss, um den Gedanken des Dichters zu treffen.

Die strophische Gliederung, welche W. H. Kolster in 'Vergils Eklogen, Leipz. 1882' nachgewiesen zu haben glaubt, habe ich nicht annehmen können. Vergil hat in der 3. Ekloge von v. 60—107 und in der 7. von v. 21-68 durch den Wechsel der Personen und die gleiche Zahl der Verse, in der 8. Ekloge von v. 17—61 und von v. 64-109 durch den Versus intercalaris die strophische Gliederung deutlich gekennzeichnet. Er hat die beiden Teile des carmen amoebaeum in der 5. Ekloge (v. 20—44 und v.56-80) so disponiert, dass ihre Abschnitte sich strophisch entsprechen. Er hat an anderen Stellen (z. B. in der 9. Ekloge v. 23—25 und v. 27—29) korrespondierenden Abschnitten gleiche Länge gegeben. Das lässt sich nachweisen: mehr nicht. Nimmt man an, dass in einem Gedicht Strophen von 2, 5, 8, 9, 15 Versen mit

Idylle für ein specifisches Gelegenheitsgedicht, worin in halb ernster und halb launiger und scherzhafter Weise Vergil seinem hochgestellten, in üppigem Reichtum lebenden Gönner und Freunde Asinius Pollio zu einem Familienereignisse, der Geburt eines Sohnes, in der ihm eigenen Weise Glück wünscht.

einander wechselno), dass die strophische Gliederung auch dann erkennbar ist, wenn der Personenwechsel in der Mitte der angenommenen Strophen stattfindet), dass Verse herausgeworfen), Lücken ausgefüllt werden müssen”), dann wird es schliesslich wohl möglich sein, jedes Gedicht in irgend eine strophische Gliederung zu bringen. In diesem Falle ist der Versuch jedoch trotz der Anwendung aller dieser Mittel nicht völlig geglückt.

In derselben Schrift (p. 66 und p. 96) erkennt Kolster an, dass die von mir (Jhrb. f. kl. Philologie 1864 p. 772-789) nachgewiesenen metrischen Unterschiede nicht durch Zufall entstanden sein können. Seine Annahme aber, dass Vergil in den drei jüngeren Eklogen einen andern Autor als Theokrit nachgeahmt habe, kann nicht richtig sein, weil der Inhalt eines bedeutenden Abschnittes der 10. Ekloge (v. 9-30) aus Theokrit (I, 66–141) entnommen und in der 4. Ekloge ein Gegenstand behandelt ist, der aus einem griechischen Original nicht geschöpft sein kann.

Zum Schlusse bemerke ich noch, dass ich die Angaben über die ganz oder teilweise wiederholten Verse der Abhandlung von E. Albrecht,‘Wiederholte Verse und Versteile bei Vergil' (Hermes XVI, p. 393-444), verdanke und dass Herr Dr. Güthling mich auch diesmal durch Zusendung von Beiträgen zu dem Kommentar freundlichst unterstützt hat.

8) Ders. p. 17. 153.

9) Ders.

6) Kolster p. 1-16 7) Ders. p. 4 p. 17. 94, 194. 195.

Berlin im Oktober 1882.

C. Schaper.

EINLEITUNG.

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Bei der Geringschätzung, mit welcher die Römer der älteren republikanischen Zeit Künste und Wissenschaften, in deren Betreibung sie eine Beeinträchtigung ihrer staatsbürgerlichen Pflichten erblickten, ansahen, musste ihnen der Enthusiasmus unbegreiflich erscheinen, mit welchem die Griechen den Gesängen ihrer Dichter lauschten. Als daher freigelassene Sklaven und Nichtrömer zuerst versuchten, die Römer für die freien Schöpfungen des Geistes empfänglich zu machen, übersetzten sie zunächst griechische Musterwerke, um die Römer einen Blick in den unerschöpflichen Mythenkreis der Griechen thun zu lassen und mit der Wissbegierde zugleich die Liebe zu wissenschaftlicher Beschäftigung zu wecken. So übersetzte Livius Andronicus, der erste römische Schriftsteller, die Odyssee des Homer und dichtete Tragödien nach griechischen Mustern. So wenig auch seine Dichtungen den Forderungen eines entwickelten Geschmacks entsprachen, so wirkten sie doch durch den Reiz der Neuheit, und die Übersetzung der Odyssee wurde bis zum Untergang der Republik als Schulbuch gebraucht. Nachdem die Römer aber für das Streben nach höherer Bildung gewonnen waren, entstand

Wetteifer unter den römischen Schriftstellern, ihren Landsleuten die Schätze der griechischen Litteratur mitzuteilen. Dabei war es ihnen anfangs vorzugsweise um den Stoff zu thun, die Form wurde weniger berücksichtigt; man war zufrieden, wenn man der rauhen, ungelenken Kriegersprache die Worte und Wendungen abzwang, welche zum Ausdruck des Gedankens notwendig waren, und bewahrheitete praktisch den Spruch des alten Cato: rem tene, verba sequentur. Es kam nunmehr darauf an, die schlummernden Kräfte der Sprache für Rhythmus und Komposition zu wecken. Den ersten Schritt dazu ihat Ennius (aus Rudiae in Calabrien, der Zeitgenosse und Freund des älteren Cato und der Scipionen), indem er durch Einführung des Hexameters das accentuierende Latein in ein quantitierendes verwandelte. Infolge dieses Wechsels 'begann', wie Bernhardy (Grundr. d. röm. Litt. p. 198) bemerkt, die Sprache selber auf Korrektheit und grammatische Regel einzugehen, sie wurde dehnbar und flüssig, ihre natürliche Kraft zeigte sich tüchtig auch zur Entwicklung poetischer Gedanken, und sie gewann unter den Vergil I. 7. Aul.

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ein reger

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Händen des Ennius an phraseologischer Fülle, die gelegentlich bis zu Perioden und zur periodischen Gliederung sich steigert'. Die Wirkung dieser Bereicherung des Sprachschatzes zeigte sich zuerst in der Entwicklung der Beredsamkeit; denn durch das eifrigste Studium griechischer Muster gelang es dem Cicero, die prosaische Darstellung zur höchsten formalen Tüchtigkeit zu bringen und oratorische Fülle mit periodischer Abrundung zu verbinden. Hinter dieser Ausbildung der Prosa blieb die poetische Darstellung noch weit zurück; Lucretius, der Zeitgenosse des Cicero, verrät sowohl durch die Wahl seines Stoffes (Entwicklung der Epikureischen Lehre), als auch durch dessen Bearbeitung, wieviel die römischen Dichter in betreff der Anlage ihrer Werke, der sprachlichen Darstellung und des Baues ihrer Verse noch von den Griechen zu lernen hatten. Im Gegensatz gegen diese Richtung, welche den neuen Gedanken in das Gewand der alten Sprache kleidete, unternahmen es die Dichter des Augusteischen Zeitalters, im engen Anschluss an die Griechen, die Vermittlung zwischen Inhalt und Form zu bewerkstelligen und den Römern eine poetische Sprache zu schaffen, die nach Ablegung der früheren Härte und Unbeholfenheit geeignet war, die feinsten Nuancierungen des Gedankens darzustellen und griechischen Wohllaut mit römischer Kraft zu verbinden. Hauptrepräsentanten dieser neuen Richtung sind Vergil und Horaz.

Publius Vergilius (so ist die ältere Schreibung der Handschriften und Inschriften statt Virgilius) Maro wurde zu Andes, einem Dorfe bei Mantua, am 15. Oktober 70 v. Chr. 684 a. U. c. geboren. Sein Vater, ein wohlhabender Landmann, der von dem Ertrage eines Landgutes, das er zu Andes besafs, lebte, verwandte alle Sorgfalt auf die Erziehung seines Sohnes, liess ihn zu Cremona unterrichten und schickte ihn, als er die männliche Toga angelegt hatte, zu weiterer Ausbildung nach Mailand und dann nach Neapel, wo er den Unterricht des Dichters und Grammatikers Parthenius genofs. Nach mehrjährigem Aufenthalte in Neapel wandte sich Vergil 47 v. Chr. nach Rom, um sich durch den Epikureer Syron, den Freund Ciceros, in die Philosophie und die damit verwandte Mathematik und Physik einweihen zu lassen. Liebe zu den Wissenschaften und zum Landleben, sowie eine schwächliche Körperkonstitution, die weder den Anstrengungen des Forums noch den Strapazen des Kriegsdienstes gewachsen war, veranlasste ihn auf eine Staatscarriere zu verzichten und sich auf sein Gut zu Andes zurückzuziehen, wo er nun (von 45 v. Chr. an) die Freuden des Landlebens mit em

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